01 Januar 2016

Rückblick - Meine einzige "veröffentlichte" Geschichte: "Der Weltenwanderer"

Im Herbst 1997, ich war Zivildienstleistender im Altenpflegeheim, nahm ich an einem Autoren-Preisausschreiben Teil. Veranstaltet wurde es vom damaligen Pop- und Jugendradio des Süddeutschen Rundfunkts, SDR3, in deren Magazin "Wilder Süden", und der Abteilung "Hobbit Presse" des Stuttgarter Verlagshauses Klett-Cotta.

Gesucht wurde der "wildeste Autor im Süden": "Wir suchen phantastische, kreative Schriftsteller zur Erschaffung der ultimativen, epochalen, wildsüdlichen Fantasy-Geschichte."

Die Story durfte maximal über vier Seiten gehen, und es gab 30 Preise zu gewinnen. Einzige Vorgabe war es, den einleitenden Absatz als Startpunkt der Geschichte zu nehmen.

Vorab: ich habe damals den zweiten Platz gewonnen, ein erstes Anzeichen dafür, dass meine Träume, eines Tages ein "richtiger" Autor zu werden, nicht ganz an den Haaren herbeigezogen waren. Leider habe ich mich seitdem nicht wieder aufgerafft, ernsthaft zu Schreiben - angefangene Romanvorlagen liegen seit fast 20 Jahren in der Schublade, immer war "das Leben" wichtiger: das Studium, der Beruf.... andere Dinge eben.

Da ich die Geschichte nie "digital" festgehalten hatte, hier nun also die volle Story, die mir den glorreichen 2. Platz eingebracht hatte...

Die Preise übrigens scheinen ganz generell mein Schicksal wiederzuspiegeln.
Der erste Platz war eine Reise nach Oxford "auf den Spuren von J.R.R. Tolkien" gewesen.
Der dritte Platz "ein delikates Abendessen mit den Machern der Hobbit Presse" (also eigentlich noch besser als der erste Preis).

Ich hab wie gesagt den zweiten Preis gewonnen.... einen Besuch der Bavaria-Filmstudios in München. #fml

Der Weltenwanderer


[Erster Satz: Vorgabe der Veranstalter] Lange vor der Entstehung des homo wildsüdlicus, als das Nichts und der ewige Sturm die Erdoberfläche beherrschten, spielte sich das Leben ausschließlich in den Tiefen der Ozeane ab, im Innern des ewigen Eises und der Dunkelheit des Erdreiches. Drei verschiedenen Populationen gelang es, sich den widrigen Lebensumständen anzupassen...

Grolgorosch lehnte sich erschöpft gegen den Felsvorsprung. Er war nun schon etliche Stunden ohne Rast marschiert, um Draltal, sein geliebtes Heimatdorf, noch rechtzeitig vor der Kalten Welle zu erreichen. Schweißperlen standen an seiner Stirn, die, obschon er noch ein junger Gnomling war, schon etliche Denkfalten aufwies. Schweißgenäßt war auch sein langer, schwarzer Bart, den er regelmäßig von den ersten grauen Haaren befreite. Er war einfach nicht dazu bestimmt, wie die meisten seines Volkes vom Abbau der Salzkristalle zu leben, auch wenn sie die wichtigste und gesündeste Nahrung darstellten, die es für einen Gnomling nun einmal gab.
Grolgorosch war schon immer ein Träumer gewesen, der seine Zeit lieber dichtend und denkend, musizierend und mit dem Genuß eines Bieres, daß aus speziellen Pilzen gebraut wurde, verbrachte, als mit einer "anständigen Arbeit". Er wußte, Rilka war deshalb oft unglücklich, behauptete, er liebe sie nicht, da er kein guter Arbeiter und Ernährer sei. Ihre Tränen schmerzten ihn oft sehr, aber er konnte sich trotzdem nicht untreu werden und ein geregeltes Gnomlingleben führen. Um ihren Tränen, ihrer Wut und - vor allem - dem Spott der anderen Draltaler zu entgehen, hatte sich Grolgorosch schon in den ersten Jahren ihrer Ehe zu einem Vagabunden entwickelt. Er schlug nur soviel Salzkristalle, wie zum Überleben unbedingt notwendig waren, zollte auch dem König im fernen Finsterstein regelmäßig Tribut. Den Rest seiner Zeit verbrachte er mit langen Wanderungen im umliegenden Geröllwald, ja, manchmal hatte er sich sogar bis in die gefürchteten Wasserhöhlen vorgewagt. Die Legenden und Schauermärchen seines Volkes erzählten von furchtbaren Ungeheuern, die in diesen Höhlen hausen sollten, und auf deren Speiseplan an erster Stelle Gnomlinge standen. Grolgorosch wußte, daß sie irrten. Schließlich hatte er jene "Monstren" schon gesehen: wunderschöne, anmutige, glitzernde Wesen, mit hellen Stimmen wie gurgelndes Wasser und bezauberndem Gelächter. Sie lebten in den Meeren, und nur manchmal tauchten sie in einer der Höhlen auf, um einen neugierigen Blick auf die ihnen so fremde Welt aus Stein zu werfen, die für Grolgorosch die Heimat darstellte.
Vor einiger Zeit hatte er sich einer dieser Wasserfrauen - einem ganz besonders hübschen Exemplar mit wassergrünen Augen und einem in vielen Farben funkelnden Fischleib - zu erkennen gegeben. Zuerst war sie erschrocken, aber bald merkte sie, daß von ihm keine Gefahr ausging, und so waren sie sich schließlich näher gekommen. Oft saßen sie nur stundenlang beisammen, ohne ein Wort zu sprechen, jeder Gefangener in des andern Blick. Dann wiederum vergnügten sie sich scheinbare Ewigkeiten lang beim Liebesspiel, um sich schließlich ermattet und selig wieder zu trennen. Es gab auch Zeiten, in denen sie in ernsten Gesprächen über das Leben in den verschiedenen Welten sprachen - und über die Kalten. Scylla - so hieß die Schönheit aus den Wassern - berichtete oft vom großen Unheil, daß die Kalten auch in ihrer Welt anrichteten. Grolgorosch ahnte in solchen Momenten am Schrecken in Scyllas Augen erkennen zu können, wie arg ihr Wüten auch im Reich des Wassers war. Auch er kannte die unheiligen Taten, die jene Namenlosen anzurichten imstande waren. Es geschah nicht selten, da fand man einen Gnomling, der bei der Arbeit die Zeit vergessen hatte, grausig erfroren in einem Stollen liegen. Die Kalten waren unberechenbar und unbarmherzig. Sie kamen mit der Kalten Stunde, wenn die Pforten nach oben sich öffneten und der Wind der Kälte hinabfuhr von der Hölle in die Welt. Nur im Schutz ihrer Felswürfel waren die Gnomlinge sicher vor der eisigen Hand des Todes. Dies war nicht immer so gewesen...

Grolgorosch erinnerte sich an eine Legende, die sich die Ältesten der Alten seit undenkbaren Zeiten erzählten, und die er selbst von seiner Großmutter gehört hatte, als er noch ein Kleinling gewesen war. Die Geschichte erzählte von einer Zeit, als es noch keine Kalten gab. Wenn sich in jenen Tagen die Pforten nach oben öffneten, dann brachten sie wohlriechende Düfte und lachende Luftelfen. Damals soll es auch einen großen See aus Feuer und flüssigem Stein gegeben haben, weit im Süden, wo keine Salzkristalle wachsen. Es hieß, der Feuersee sei beheizt worden vom heißen Atem eines gigantischen Drachen. Es hieß auch, daß der Feuersee von schwarzgelb schillernden Schwefelechsen bewohnt gewesen war, die blitzschnell und sehr heiß (aber gutmütig) gewesen sein sollen. Der Drache begnügte sich damit, den Feuersee mit seinem Flammenatem warmzuhalten, unter der Bedingung, daß er aus jedem Königreich - dem der Gnomlinge, dem der Wassernixen und dem Luftelfen und seinem eigenen, dem Feuersee - in regelmäßigen Abständen ein Opfer zur Nahrung erhielt. Ansonsten würde er, so drohte er allen Völkern, den See erkalten lassen und blutige Ernte halten.

Lange Zeit blieben die Dinge so in ihrer natürlichen Ordnung: der Drache war fern und ruhig, und jedes Volk ließ viermal im Jahr das Los darüber entscheiden, wer sich zum Wohle aller in die Arme des heißen Todes zu begeben hatte. Bis das Los auf die Tochter des Tentosis, des Königs der Meere, fiel. Obwohl seine Tochter bereit war, den Preis für die Freiheit zu zahlen, wehrte sich ihr Vater erbittert gegen dieses Schicksal. Denn seine Tochter war sein Augapfel, sein ein und alles: um nichts in der Welt würde er sie opfern! Und so schmiedete er einen finstren Plan. Er nahm Kontakt auf mit den unheiligen Kalten, seelenlosen Wesen aus den Eishöhlen des Nordens. Diese finsteren Kreaturen waren bereit, einen Pakt mit König Tentosis zu schließen und ihm zu helfen, den Drachen zu töten. Mit einem Speer aus magischem Eis erlegte Tentosis den Feuerwurm.

Alle Völker unter der Erde feierten diesen Tag als Tag der Erlösung - nie wieder würde einer ihrer Geliebten den feurigen Tod sterben müssen. Doch das Erlöschen des Drachenfeuers hatte andere Folgen. Zuerst bekamen es die Schwefelechsen zu spüren. Der Feuersee fing an, zu erkalten, und das Magma erstarrte zu hartem Lavagestein. Innerhalb kürzester Zeit fanden Tausende von Echsen den Tod. Bald spürten auch die anderen Völker, daß die Tat des Tentosis nicht ohne Folgen bleiben sollte: da der Drache die einzige Wärmequelle gewesen war, erkalteten alle Reiche nach und nach. Die Luft an der Erdoberfläche konnte sich nicht mehr wehren gegen die Kälte der Äußeren Hölle - dieser Kälte fielen die Luftelfen zum Opfer. Das Reich der Wassernixen verwandelte sich mehr und mehr in Eis - zuerst fielen die Polarmeere des Nordens und Südens in die Hände der Kalten, schließlich schrumpften die weitläufigen Ozeane immer mehr zusammen, bis sie auf die jetzige Größe geschwunden waren. Und im Reich der Gnomlinge fielen viele den eisigen Luftattacken zum Opfer, die von einer finsteren Magie gesteuert wurden. Im Laufe der Zeit hatten sich die Gnomlinge mehr und mehr vom Rest der Welt isoliert. Die Luftelfen gerieten nach ihrem Aussterben rasch in Vergessenheit, ebenso die Schwefelechsen. Den Wassernixen haftete die schuldhafte Tat ihre Königs an - die Gnomlinge begegneten ihnen erst feindselig, um ihnen dann ganz aus dem Weg zu gehen. Heute gab es nur noch Gerüchte über die Ungeheuer aus den Wassern.

Doch im Moment hatte Grolgorosch andere Sorgen. Nach einem Besuch in den Wasserhöhlen (und einem Treffen mit Scylla), hatte er sich aufgemacht in die südlichen Regionen des Erdreiches. Dort wollte er Ausschau halten nach Spuren des längst erkalteten Feuersees... wer weiß, vielleicht fand er sogar Überreste des Drachen? Nach stundenlangem Umherirren in den weitläufigen Höhlen wurde sich Grolgorosch schlagartig der Zeit bewußt. "Verflixt und eingestürzt! Wenn ich es nicht rechtzeitig nach Draltal schaffe, wird es mich im wahrsten Sinne des Wortes eiskalt erwischen!" Erschrocken fuhr er sich mit der Hand vor den Mund: es war sonst nicht seine Art, Selbstgespräche zu führen. Die Tatsache, daß er dies nun tat, verhieß nichts Gutes. Er war nun schon seit Stunden durch die Südhöhlen gelaufen, und erst jetzt gestand er sich ein, was er eigentlich schon längst wußte, jedoch stets verdrängt hatte: er hatte sich verlaufen. Ja, so einfach und banal diese Feststellung auch klang, so hart traf sie trotzdem - oder gerade deshalb - sein Ehrgefühl: ER, Grolgorosch, Sohn des Gringolaf, Wanderer zwischen den Welten, Entdecker fremder Wesen, hatte einen so törichten Fehler begangen! Wenn das seine Freunde aus Draltal wüßten! Beschämt wie ein dummer Kleinling müßte er vor ihnen in den Boden versinken, nur Spott und Belehrungen erntend. Aber so sehr er auch mit dem Schicksal haderte - daran gab es nichts zu ändern! Und so langsam war es ihm egal, ein "sehr blamierter" Gnomling zu sein, dachte er nur an die möglichen Folgen: wenn er es nicht schaffte, vor der Kalten Stunde Draltal und seinen sicheren Wohnfelsen zu erreichen, dann würden ihn die Kalten Geister der Luft mit tödlicher Sicherheit in einen "sehr toten" Gnomling verwandeln - was allemal schlimmer war.

Grolgorosch erhob sich langsam vom Felsvorsprung, auf dem er einige Zeit gerastet hatte, um wieder einigermaßen zu Kräften zu kommen und sich auch seelisch wieder etwas zu beruhigen. Der grauschwarze Felsen war von roten Adern durchzogen und strahlte eine angenehme Wärme aus. "Eigentlich seltsam!", dachte er. "Obwohl der Drache schon seit langem tot ist, gibt es immer noch Wärme, tief im Erdreich!" Vielleicht waren jene Geschichten wahr, die von einem anderen Drachen erzählten, der weit im innersten Erdring wohnte und dort vielen Völkern ein glückliches Leben ohne Angst vor den Kalten ermöglichte. Bisher hatte er diese Geschichten immer für Märchen gehalten, aber seit seiner Begegnung mit Scylla war er sich dessen nicht mehr so sicher... und nun, hier, ohne jegliche Orientierung und mit den Kalten im Nacken, erschienen sie ihm wahrer und wahrscheinlicher zu sein denn je. "Die Angst ist die Mutter des Glaubens" besagte eine alte Gnomling-Weisheit (von denen es eine Menge gab), und in diesen Augenblicken bewahrheitete sie sich aufs Deutlichste.

Der schwarzrote Felsen ragte in eine große Felsenhalle hinein. Hinter Grolgorosch lag wie ein dunkles Loch der Gang, durch den er gekommen war. Der Weg endete abrupt an diesem Felsvorsprung. Vor sich blickte er hinab auf eine Höhle, die selbst für einen Gnomling schlichtweg gigantisch war. Eigentlich handelte es sich um eine Art Felsendom. Und tatsächlich schien der Ort eine gewisse Heiligkeit auszustrahlen. Seine Wände waren alle in jenem matten Schwarz gehalten, von roten Adern durchzogen. Rund war dieser große Dom, und seine Wände liefen oben in einer spitzen Kuppel zusammen. Erst nach einiger Zeit wurde sich Grolgorosch der Tatsache bewußt, daß er seit mindestens einer viertel Stunde mit offenem Mund auf den sich ihm darbietenden Raum starrte. Sein Felsvorsprung befand sich auf halber Höhe zwischen der Kuppel und dem Boden. Und dann fiel ihm auf, daß es noch mehrere solcher Felsvorsprünge gab, die, auf gleicher Höhe gelegen, alle in den Felsendom hinein führten. Er zählte insgesat zwölf solcher Gänge, seinen mitgerechnet. Durch die symmetrische Architektur des Domes neugierig geworden, beschloß Grolgorosch, der Sache auf den Grund zu gehen. Schließlich wirkte diese Halle zu perfekt, zu konstruiert, um eine Laune der Natur zu sein. Außerdem nahm er der dunklen Farbe des Felsens wegen den Boden nicht genau wahr. So geschah es, daß er die Kalten total vergaß, und mit dem Abstieg begann.

Dies war kein leichtes Unterfangen, da die Wände lange nicht so rauh waren wie die Wände in Grolgoroschs Heimat. Zudem strahlten sie eine Wärme aus, die ihm fremd war. In Draltal und Umgebung waren die Felsen viel kälter. Doch er war ein geschickter Kletterer, und so kam er schließlich unbeschadet auf dem Boden der Höhle an. Seltsam war, daß der Boden noch glatter war als die Wände, er wirkte irgendwie poliert. Dies war dann wohl der endgültige Beweis, daß diese Höhle von intelligenten Wesen bearbeitet, wenn nicht sogar ganz aus dem Stein gehauen worden war. Doch wer konnte das gewesen sein? Er konnte sich nicht erinnern, jemals so beeindruckende Gnomlingsarbeit gesehen zu haben. Auch wenn die Gnomlinge stolz waren auf ihre Baukünste - ihre Bauwerke waren vielleicht schmuckvoll und gemütlich - aber niemals so majestätisch und kolossal. Er blickte sich in der riesigen Halle um. Hier unten schien es keinen Ausgang zu geben, nur Felswände. Seine Schritte hallten laut in der großen Halle. Er stieß einen begeisterten Pfiff aus. Gleich danach bereute er dies - das Echo war einfach unheimlich. Vielfach hallte es von den Wänden ab, um sich allmählich in einen seltsamen, pfeifenden Ton zu verwandeln... der ihm irgendwie bekannt vorkam! Er lauschte aufmerksam in die Höhe. Nein, das war nicht mehr das Echo seines Pfiffs... dies war das sirrende Pfeifen der Kalten! Sie kamen, und sie kamen näher, das konnte er genau hören. Panik ergriff ihn, als er sich der Tatsache bewußt wurde, daß er die Kalten total vergessen hatte... und das wegen einer blöden Höhle!

Verzweifelt rannte er durch die Halle... irgendwo mußte es doch einen verflixten Ausweg geben! Aber nichts zu machen... es gab - bis auf die zwölf Felsvorsprünge in zirka zehn Metern Höhe - keine weiteren Ausgänge... und von dort oben kam das Pfeifen! Es wurde lauter und lauter, und zum ersten Mal in seinem Leben sah Grolgorosch, was er sonst nur im Schutz seines Felswürfels gehört hatte: die Kalten. In seiner Vorstellung waren es immer große Wesen aus Eis gewesen, die auf magische Art und Weise durch die Lüfte schweben konnten... seine Phantasie hatte ihnen Klauen, rotglühende Augen und reihenweise scharfe Zähne angedichtet... aber die Wirklichkeit war natürlich ganz anders. Wenn auch nicht besser. Bis auf das Pfeifen schienen sie lautlos durch die Lüfte zu gleiten. Er konnte keine genauen Formen erkennen, vielmehr schwebten sie wie kalter Rauch durch die Luft. Es war gerade dieses gestalt- und namenlose Wesen, das ihn in Angst und Schrecken versetzte. Solche Wesen glichen nichts, daß er jemals gesehen hatte. Folglich war es sehr wahrscheinlich, daß sie auch keine Empfindungen, wie Gnomlinge sie haben, kannten. Sie waren verdichteter Schrecken, sichtbar gewordener Tod, hörbares Grausen... und sie kannten keine Gnade. Grolgorosch machte sich auf seinen Tod gefaßt. Verzweifelt kauerte er sich gegen eine Wand, verbarg sein Gesicht in den Händen, und wartete auf sein Ende. Doch statt der erwarteten kalten Berührung, statt eines quälenden Schmerzens, geschah - nichts. Das Pfeifen blieb im Raum, schwoll sogar noch an, immer mehr der Kalten versammelten sich in der Halle. Aber sie kümmerten sich nicht um ihn. Verwundert hob er seinen Blick und versuchte zu begreifen, was er da sah. Exakt in der Mitte der Halle, also in der Luft, hatten sich Dutzende dieser unheiligen Dampfwesen versammelt. Sie schwebten teilweise durcheinander, es schien so, als könnten sie sich gegenseitig durchdringen. Doch was auch immer sie hier taten - ihr Interesse galt nicht ihm. Und dann begriff er.

Dank seiner dunklen Haut verschmolz er quasi mit den ihn umgebenden Felsen. Falls also einer der Kalten herab auf den Boden des Felsendomes blicken sollte, so würde er ihn gar nicht wahrnehmen. Und noch etwas schoß ihm durch den Kopf: dieser schwarze Fels strahlte Wärme aus. Die Felsen in seiner Heimat waren kalt. Vielleicht hatten die Kalten gar keine Sehkraft, wie Gnomlinge sie kennen. Vielleicht nahmen sie nur die Wärme einer Kreatur war. Und inmitten des warmen Felsgesteins konnten sie ihn einfach nicht... herausspüren. Grolgorosch beschloß, dies zu testen. Er stand auf und lief auf dem Boden der Halle herum. Nichts passierte. Die Kalten schwebten weiterhin in der Mitte der Halle, so als hätten sie ihn gar nicht wahrgenommen. Fast hätte er losgelacht vor Stolz auf seine Entdeckung. Nicht nur, daß er der erste Gnomling der Geschichte war, der die Kalten gesehen und überlebt hatte - er hatte auch noch herausgefunden, wie sie ihre Opfer erkennen. Im letzten Moment verkniff er sich den Lacher, als ihm einfiel, daß er ja trotzdem noch inmitten einer todbringenden Gefahr war - die zwar nicht gut sehen, vielleicht jedoch hören konnte. Eine Veränderung im Pfeifen der Kalten lies ihn erneut nach oben schauen. Das Geräusch schwoll an, bis es fast die Schmerzgrenze erreicht hatte, um dann in einem lauten Knall zu explodieren. Und mit diesem Knall stoben die Kalten auseinander - jeweils in einen der zwölf Ausgänge. Kurz darauf waren sie verschwunden, und mit ihnen schließlich auch das Geräusch. Was zum Felsenbeißer war hier geschehen? War dies eine Art Versammlungsstätte der Kalten? Starteten sie von hier aus ihre blutigen Feldzüge? Fragen über Fragen... aber Grolgorosch war vorerst zufrieden, noch am Leben zu sein. Jetzt hieß es nachdenken. Einerseits hatte er noch genügend Salzkristalle im Beutel, um tagelang durch unbekannte Regionen zu streifen und vielleicht noch mehr über das Treiben der Kalten herauszufinden. Außerdem hatte er nun ja eine Art sicheren Außenposten, der es ihm erlaubte, auch zur Stunde der Kalten fern von Draltal zu weilen. Andererseits wußte er immer noch nicht, wo er genau war, wo Draltal von hier aus lag. Er bereute es, von den Südhöhlen keine Karte angefertigt zu haben, so, wie er es in den Wasserhöhlen gemacht hatte. Dort hatte er sich nie verlaufen. Während Grolgorosch über dies alles nachdachte, schlenderte er mehr oder weniger aufmerksam durch den Felsendom. Er war gerade zu dem Schluß gekommen, daß es wohl weiser sei, zuerst einmal den Weg nach Hause zu finden, um später mit Schiefertafeln und Kohlestiften zurückzukommen und alles genauf aufzuzeichnen, als er in der Mitte der Halle an ein Hindernis prallte.

Verwundert unterbrach er seine Gedankengänge und stellte fest, daß er dieses Gebilde vorher gar nicht gesehen hatte. Wie auch, war es doch aus total schwarzem Stein gemacht. Es war ein runder Stein, der Grolgorosch etwa bis an die Hüften ging. Was er wohl darstellte? Vielleicht einen Altarstein, auf dem die Kalten ihre Opfer vertilgten? Bei genauerer Betrachtung stellte er verblüfft fest, daß es viel mehr war, als ein Stein. In der Mitte befand sich ein Loch, schwärzer als die Nacht, und kein Grund war zu erkennen. War es eine Art Brunnen? Er nahm einen Salzkristall aus dem Beutel und war ihn in den vermeintlichen Brunnen. Dabei fiel ihm auf, daß ein angenehm warmer Luftzug aus dem Brunnen strömte. Er lauschte in die dunkle Tiefe hinein, nahm aber kein Geräusch wahr. Es war auch kein Aufprall zu hören. Entweder war der Schacht sehr, sehr tief, oder Grund äußerst weich - auf jeden Fall war Grolgoroschs Neugierde geweckt. Er mußte wissen, was sich am Grunde des Schachtes befand! Die Wände des Schachtes waren rauh, unbehauen. Dort herunterzusteigen schien eine leichte Übung für einen so geschickten Kletterer zu sein. Nur die undurchdringliche Finsternis bereitete ihm Sorgen. Trotzdem faßte er sich ein Herz und begann mit dem Abstieg...

... die Dunkelheit schien ihn zu verschlucken. Eine so totale, ja fast greifbare Finsternis hatte Grolgorosch noch nie erlebt. Er fragte sich, ob es zur Erzeugung einer solchen Art von Dunkelheit auch einer eigenen Quelle bedürfe, so wie für Licht... Kalte Schauer liefen ihm über den Rücken, er bemerkte einen schwefeligen Geruch, außerdem wurde es merklich wärmer. Der Abstieg schien ewig zu dauern. Nach einiger Zeit erzeugte die Monotonie eine große Müdigkeit. Halb in Trance stieg er weiter und immer weiter hinab. Bis er schlagartig aus seinem Dämmerzustand gerissen wurde - von einem wohlbekannten, markerschütternden Pfeifen. Es kam von oben, und es kam näher. Die Kalten! Irgendwie hatten sie seine Spur aufgenommen. Doch wie sollte er sich wehren? Wohin entfliehen? Er begann, schneller und schneller zu klettern. Doch das Pfeifen wurde immer lauter. Er war zu langsam. Und dann waren sie da. Er sah ein weißgelbes Leuchten über sich, dann spürte er die Eiseskälte, wie sie ihn schlagartig und erbarmungslos umgab. "Jetzt heißt es Abschied nehmen von meiner geliebten Welt!", schoß es ihm durch den Kopf. Er spürte noch, wie ein Stück Fels, daß er verzweifelt mit seiner rechten Hand umklammert hielt, abbrach. Dann verlor er den Halt und fiel. Mit rasender Geschwindigkeit stürzte er in die bodenlose, schwarze Tiefe. Er registrierte noch, wie das Pfeifen sich veränderte - fast könnte man meinen, es klänge wütend - und dann hatte die Dunkelheit plötzlich ein Ende.

Grolgorosch fiel durch die Decke einer riesigen Höhle, die um ein Vielfaches größer war als der Felsendom. Eine schier unerträgliche Hitze herrschte hier. Vor dem Aufprall - der seinen Tod bedeuten würde - sah er nur noch, daß die Felsen hier eine feuerrote Färbung hatten. Und der Boden bestand gänzlich aus Lavagestein. Nur in der Mitte der runden Lavafläche befand sich eine Art Insel aus schwarzem Basalt, in dessen Mitte ein großes, rotschwarz gesprenkeltes Ei thronte. Mit einem Schrei prallte Grolgorosch auf dem spitzen, harten, unebenen Lavagestein auf...

... und Stefan erwachte. Schweißgebadet saß er in seinem Bett, den Mund noch geöffnet vom Schrei, den er soeben ausgestoßen hatte. Dieser Traum... er war so real gewesen, so wirklich! Er hatte sich tatsächlich für den Gnomling Grolgorosch gehalten... und die Kalten? Wo waren sie? Unsicher blickte er sich um. Nein, sein Zimmer war wie immer. Der Schreibtisch, der Schrank, sein Computer - alles war am rechten Platz. Kein bodenloser Schacht, keine Kalten, kein Lavagestein... aber auch keine Abenteuer, kein Draltal und keine Scylla! Stefan fühlte sich verwirrt, und auch ein wenig traurig. Nein, er war kein Gnomling, der Abenteuer in fremden Welten erlebte, er war Stefan Radbruch, wohnte bei seinen Eltern in Böblingen und besuchte die neunte Klasse des Gymnasiums... alles total normal, langweilige Tatsachen. Erschrocken stellte er fest, daß sein Buch etwas zerknittert am Boden lag. Er war wohl wieder einmal beim Lesen eingeschlafen. Behutsam hob er es auf. Es war der zweite Band von Tolkiens "Herr der Ringe". Er war gerade an der Stelle, an der die Gemeinschaft des Ringes durch die Höhlen von Moria zog und der leichtsinnige Pippin einen Stein in einen tiefen Brunnen geworfen hatte. Das erklärt alles. "Tja", dachte Stefan enttäuscht. "Die Welt ist halt leider nicht halb so magisch wie ich sie gerne hätte!"

Beim Aufstehen stieß sein rechter Ellbogen gegen etwas hartes. Es war ein schwarzer Stein, von roten Adern durchzogen. Stefan nahm ihn in die Hand, spürte seine Wärme. Und lächelnd freute er sich auf die nächste Nacht. Noch war die Welt nicht gänzlich ohne Magie. Noch gab es Hoffnung.

29 November 2015

Naceur-Charles Aceval: "Der Mann, der nicht sterben wollte. Märchen aus dem Maghreb."

Erzählt von: Naceur-Charles Aceval

Mit Vorwörtern von Prof. em. Hermann Bausinger und Dr. Seddik Bibouche

 

"Das Wort reist, und es findet immer sein Ziel."

 

Dies wird eine sehr subjektive Buchbesprechung, denn der Autor ist mein Vater und ich habe mit ihm gemeinsam die erste Rohfassung zu Papier gebracht, damals, 2007, als wir noch nicht wussten wie schwierig und langwierig es werden wird, einen Verleger zu finden.

Aber dieses Blog ist ja kein "ordentliches" Rezensionsblog. Der Verfasser hat nie Literatur fachlich studiert und es geht hier um mein Biblioversum, meinen ganz persönlichen Bücher-Raum im Netz.








Ein bisschen (mehr) Biographie und Autobiographie
oder: "Was Sie beim Lesen des Buches auf keinen Fall erfahren werden"

Ich kann weit ausholen. Das ist mein Blog, und ob Sie, lieber Leser, mir auf meiner Reise durch biographische und autobiographische Gefilde folgen werden oder nicht, kann mir zum Glück herzlich gleich sein.

Doch wo beginnen? Wahrscheinlich irgendwo zwischen Genesis 1,1 und jenem schicksalshaften Frühjahr 2007,  an dem mein damals noch sehr frischgebackener Märchenerzähler-Vater und ich uns zu unserem allmorgendlichen Ritual trafen.

Es war einmal.... vor immerhin schon über achteinhalb Jahren, da begab es sich im Dorfe Weil im Schönbuch, dass ein 31jähriger Arbeitsloser und Hartz-IV-Empfänger, der damals noch an der Endfassung seiner Magisterarbeit in dem Fache der Japanologie arbeitete, sich parallel aber schon auf Arbeitssuche befand, sich jeden morgen in seinen über 15 Jahre alten Golf II setzte und aus dem benachbarten Holzgerlingen in sein Heimatdorf und in die Wohnung seiner Eltern fuhr. Der Vater, ein ehemaliger Energieanlagenelektroniker, der auch schon etliche Jahre arbeitslos war (Denkanstoss: Ausländer, über 50, Doitschland - null Chance auf Anstellung), hatte aus der Not des Nichtstunkönnens eine Tugend gemacht und sich darauf besonnen, welche Talente und Schätze er in sich trage.

Zunächst war da seine Liebe zum Kochen. Viele Jahre bereits hatte der mittelalte Berber seine Familie nicht nur mit Geschichten, sondern vornehmlich mit seinen Kochkünsten verzaubert. Angefangen hatte dies früh, als das Heimweh in ihm die Sehnsucht nach dem Couscous seiner Mutter erweckte. Auch aus dieser Not hatte er eine Tugend gemacht (wie wir sehen werden, besteht darin Teil seiner Zauberkraft - er verwandelt den Schmerz in etwas Köstliches, das seinen Wert vor allem dadurch erhält, dass es mit anderen geteilt wird), und schon bald war er weit und breit berüchtigt als der kochende Alchemist von Weil im Schönbuch. Unsere Feste waren legendär - ob nun das klassische Couscous Royale oder andere Köstlichkeiten (seine Lammkeule hatte den pubertierenden Sohn nach dreimonatiger Fleischabstinenz wieder zum Fleischessen "bekehrt") - Charles Aceval war ein Star-(Hobby)koch und dazu noch ein beliebter Gastgeber. Und dies nicht nur wegen des roten Weines, den es in unserem Hause natürlich auch immer in Strömen gab. Sondern - natürlich - wegen der Ströme von Geschichten, Anekdoten, Witzen oder Bonmots, die Charles ganz den Gästen und Gegebenheiten anpasste. Dass er dabei oft auch mal über die Stränge schlug, davon weiß seine Frau, davon wissen seine Kinder zu berichten. Doch das ist eine andere Geschichte und diese muss nicht erzählt werden.

Doch zurück zu jenem magischen Frühjahr 2007. Es war ein schwäbischer Frühling, wie es schon viele gab. Die Bäume schlugen aus, die Allergiker allergikten, und die Luft am Rande des Dorfes war voll von Neuanfang und Hoffnungen.

Das tägliche Ritual war das Folgende: der Sohnemann entstieg, damals noch weniger schwerfällig als heute, seinem Golf II, der Vater war in der Regel schon längst auf, hatte bereits seinen Morgenspaziergang über die Feldwege von Weil im Schönbuch gemacht und setzte nun eine Karaffe köstlichen Kaffees auf, in der Regel mit Zimt oder Galgant gewürzt und natürlich nach Berberart stark gesüßt.

Und dann setzten sie sich in das Arbeitszimmer. Der Sohn vor dem Computer, der Vater oft auf dem Boden - ganz wie im Maghreb eben. Und dann begann er, ein Nomadenmärchen zu erzählen. Nach dem ersten Durchlauf unterhielt man sich erst noch über die Geschichte, dann schrieb der Sohn eine Rohfassung auf, und versuchte dabei, die Worte des Vaters, die sehr natürlich flossen und nicht schriftsprachlich formuliert waren, eben in jene Schriftsprache zu übersetzen, ohne dass sie ihren Geist, ihre Essenz verlören. Das war ihm nur möglich, weil er schon als Kind viele Geschichten von den Eltern zu hören bekam. Vom Vater eben Märchen aus den algerischen Hochebenen, von der Mutter die guten Hausmärchen Grimmscher Herkunft.

Es war eine schöne Arbeit, denn es verband Vater und Sohn wie ein Band, dass zuvor nur unbewusst zwischen ihnen bestanden hatte, jetzt aber deutlich hervortrat. Der Sohnemann, der als starker Introvert schon in seiner Kindheit (vielleicht mit sieben, acht Jahren) so Dinge sagte wie: "Ohne Freunde könnte ich leben, aber ohne Bücher niemals!". Der Sohn, der überallhin seine Bücher mitnahm, und sich auch auf Feiern bei Bekannten und Freunden lieber mit den Romanhelden als mit den anwesenden Personen beschäftigte. Der schon Weltflucht betrieb, lange bevor er wusste, dass dies überhaupt ein Wort war.

Und der Vater, der eher extrovertierte, der die Energie der Gäste brauchte, schon damals, ein Publikum, mit und zu dem er sprechen konnte. Den die Priester der örtlichen Neuapostolischen Kirche vergeblich versuchten, zum Glauben zu bekehren, die aber immer wieder kamen, weil sie die Gespräche und den angebotenen Rotwein so attraktiv fanden. Ja, die teilweise sogar - und ich behaupte das steif und fest! - wegen dieser Gespräche ins Zweifeln kamen und fast vom Glauben abfielen. Und wenn sie schon nicht gleich ganz abfielen, dann doch in ihren Ansichten weniger absolut und wesentlich offener, toleranter wurden.

Denn schon damals war der Vater ein Botschafter gewesen in der Enge der schwäbischen Dorfwelt. Ein "Araber", (der manchmal auch ganz praktischerweise als "Franzos" durchging, wenn er es mit etwas einfältigeren Zeitgenossen zu tun hatte) - ein Unbekannter und nicht ganz greifbarer. Einer, der in Algerien Sport studiert hatte, dem aber in Deutschland noch nicht einmal ein Hauptschulabschluss attestiert wurde. Und der in seiner Not und geistigen Einsamkeit zu Büchern griff. Zu Schopenhauer, zu Tucholski, und zu vielen anderen. Bald fühlte er, dass seine Arbeitskollegen ihn nicht immer verstanden. Zu hoch gegriffen waren oft seine Gedankengänge. Doch aufgewachsen in Algerien, wo man noch obrigkeitshöriger ist als im alten Preußen, fand er keinen Anschluss zu Menschen, bei denen er auf Verstädnis, ja auf Freundschaft hätte hoffen können - es fehlte ihm am Mut, Kontakte zu diesen "höheren Kreisen" zu suchen.

Schließlich kam die Arbeitslosigkeit. Wie eine bleierne Weste senkte sich die Banalität des Alltags auf ihn. Tagein, tagaus wusste er nicht, was er mit sich und all der Zeit anfangen sollte. Die Gänge auf das Arbeitsamt waren deprimierend - es gab keine Hoffnung auf eine Neuanstellung, soviel wurde ihm bald klar gemacht.
Und so musste er sich in einem Alter, in dem andere schon an die Frührente anfangen zu denken, an eine Neuorientierung seines Lebens machen. Die Kinder waren flügge geworden, die erzieherische Aufgabe war erfüllt - was nun?

Die Rettung kam in Gestalt seiner Schwester Nora. Diese war in Frankreich bereits eine bekannte Geschichtenerzählerin und Autorin vieler Bücher für Kinder und Erwachsene. Sie hatte die Materie studiert, hatte eine Magisterarbeit über die mündlichen Erzähltraditionen im Maghreb geschrieben, ja war auf ethnografische Fahrten durch Algerien gereist und hatte mit einem Diktiergerät bewaffnet alte Mütterlein beim Erzählen noch viel älterer Geschichten aufgezeichnet. Sie hatte Charles eingeladen, sie auf eine Märchenkonferenz an die Loire zu begleiten. Er ging mit als der Bruder und als ausgezeichneter Couscous-Koch. Und dort geschah es - wie im Märchen - dass er in einem Loire-Schloss landete und der Besitzer ihn abends aufforderte, auch etwas zu erzählen. Als Bruder der berühmten Erzählerin habe er doch sicherlich auch etwas davon in sich. Er sei ja bestimmt mit denselben Geschichten groß geworden. Das war er. Und die Aufforderung zum Erzählen war wie ein "Sesam öffne Dich" für Charles gewesen - wo davor nichts war als die Frage nach der Aufgabe, sprudelte eine köstliche Quelle an Geschichten. Es hörte gar nicht mehr auf - der Damm war gebrochen.

Seitdem kennen alle Raben und auch so mancher Bussard und streunende Katze den Märchenerzähler von Weil. Denn seitdem geht er morgens, manchmal auch mittags, seine Runden über die Felder am Rande der Ortschaft, und erzählt seine Geschichten dem Himmel, den Bäumen, den Tieren, wie einst Franz von Assisi. Er stellte erstaunt fest, dass die Märchen nicht nur alle bereits in ihm waren, sondern auch, dass sie viel mehr waren als aufgezeichnete oder gemerkte Information. Sie waren wie Lebewesen. Und je mehr Geschichten er erzählte, umso mehr neue Geschichten wurden wach und wollten auch hinaus und erzählt werden. Denn das Wort reist, und es findet immer sein Ziel.

Anfangs, also bereits vor 2007, hatte Charles sich vor allem in Tübingen und Umgebung mit dem Konzept "Couscous und Märchen" versucht, einen Namen zu machen. Beizeiten machte er für das Mittagsmenü im Café-Bistro "LaTour" im Tübinger Französischen Viertel die Speisekarte. Auf Feste (runde Geburtstage, vor allem) wurde er eingeladen. Anfangs stand das Essen im Vordergrund, aber bald merkte er, dass der "Nachtisch" an Geschichten - seien es Märchen und Weisheitsgeschichten aus dem Maghreb, seien es biografische Erzählungen aus seiner Kindheit im Algerienkrieg - auf einen viel größeren, und beinahe unstillbaren Hunger bei seinen Auftraggebern stießen. Und so wagte er erste Schritte ohne das kulinarische Drumherum.

Der Sohn musste da an eine Episode aus seiner Kindheit in Weil im Schönbuch denken. In der Hartmannstraße waren die Kinder damals, Ende der 70er-Jahre, alle mit Fahrrädern bestückt gewesen (damals gab es das Konzept des Fahrradhelmes noch nicht, trotzdem sind alle unbeschadet groß geworden). Er war stolzer Besitzer eines knallroten Fahrrades, natürlich mit Stützrädern. Da die Kinder aber die ganzen Sommerferien hindurch jeden Tag für viele Stunden mit ihren Rädern die Straßen auf- und ab fuhren, standen seine Stützräder bald immer weiter ab. Ein älterer Nachbar konnte das irgendwann einmal nicht mehr länger ertragen und hat die Stützräder abgeschraubt. Der Sohn war bis zum Schluss der felsenfesten Überzeugung gewesen, ohne die Stützräder sofort umfallen zu müssen - obwohl er sie schon längst nicht mehr nutzte. Natürlich ging es von da ab auch ohne.

Zu dem Zeitpunkt, an dem der Vater seine Stützräder peu à peu abschraubte, wanderte der Sohn leider nach Dublin aus. Wegen seines Vornamens und seiner Studienwahl war es ihm nicht gelungen, eine Arbeit in Deutschland zu finden. In Großbritannien und Irland jedoch boomte es damals noch, und man konnte sich vor Jobangeboten kaum retten. Als ein Headhunter der Firma Google ihn am Ostermontag 2007 anschrieb, wollte er die E-Mail bereits als Spam löschen. Vier Monate später kam er mit Sack und Pack (und circa 800 Büchern aus 31 Jahren Leseleidenschaft) im trüben Dublin an.

Den steigenden Stern seines Vaters sah er aus der Ferne mit Freude, Stolz und immerwährendem Schmerz - nicht direkt teilhaben zu können an seinen Freuden, Auftritten und Aktivitäten war und ist ein Stachel in seiner Seite.

Einer der frühen Auftritte des Vaters war allerdings in Dublin gewesen! Im Frühjahr 2008 hatte der Sohn Kontakt mit dem dortigen "Narrative Arts Club" aufgenommen, und dieser organisierte freundlichkeitshalber die sehr stilvollen Räume im "Library Room" des Central Hotel. Gäste waren vor allem KollegInnen aus deutschsprachigen Teams, aber auch andere "Expats" kamen, denn man hatte am hiesigen Goethe-Institut einen Aushang angebracht.

In Deutschland folgten ein Radio-Interview mit dem Tübinger Alternativ-Sender "Wüste Welle", eine Einladung zu "Kaffee oder Tee" des SWR Fernsehens; schließlich eine 30-minütige Dokumentation des SWR, "Der Märchenerzähler", die man heute noch auf YouTube anschauen kann.

Ein Meilenstein war ein neunseitiges Special in der bundesweiten Zeitschrift "Brigitte Woman", welches seinen Bekanntheitsgrad erheblich vergrößerte und ihm Aufträge in ganz Deutschland, aber auch in Österreich und der Schweiz bescherte.

Trotz all dieser relativ frühen Erfolge fand sich weit und breit kein Verlag, der Interesse an dem Buchmanuskript hatte - von den renommierten Verlagen hagelte es Absagen. Und so schlummerte das Buchprojekt, wie einst die Märchen selbst, und wartete auf einen Märchenprinzen, der es wach küsste.

Das Buch an sich
So, nun aber zum Buch selbst. Wie so oft im Leben war es eine Mischung aus Beharrlichkeit und günstigen Synchronizitäten, die letztlich dazu führten, dass der lokale Papermoon-Verlag Interesse an dem Buchprojekt fand. Eine auf persönlichen Beziehungen beruhende Angelegenheit, was dazu führte, dass das Buch auch persönlich und persönlich Ansprechend geworden ist!

Geadelt wird das Buch zudem durch die Vorwörter zweier Tübinger Autoritäten. Professor em. Hermann Bausinger, Volkskundler und Germanist, der den Lehrstuhl für Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen begründete und somit einen Meilenstein der Volkskunde in die Welt getragen hat. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Erzählforschung, und er ist Mitherausgeber "Enzyklopädie des Märchens".
Dr. Seddik Bibouche, ein persönlicher Freund der Familie, stammt aus derselben Gegend in Algerien und ist Sozialwissenschaftler mit einem starken Fokus auf Migrations- und Integrationsforschung und sehr viel Praxiserfahrung aus seiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Die Vorworte an sich sind den Kauf des Buches schon wert, und sie adeln die Arbeit natürlich ganz erheblich mit ihrem wissenschaftlichen Wert.

Was ist also nun der "Mann, der nicht sterben wollte"? Nun, für den Sohn war diese Geschichte immer eine eher lustige, oder tragi-komische Angelegenheit. Denn das klassische Märchen vom "Mann, der nicht sterben wollte" ist für sich genommen kurz und kompakt, mit einem unerwarteten Ende. Erst bei näherer Betrachtung erkennt man die Weisheit in der Geschichte.

Die Idee des Vaters war es schon damals gewesen, ein Märchenbuch zu schreiben, dass anders ist als die üblichen Märchenbücher am Markt. Man kennt sie ja, die dicken Schinken mit "Märchen aus x, Märchen aus y", und in der Regel verstauben sie in den Regalen oder vermodern in Flohmarktkisten.

Natürlich besitzt der Vater selbst viele dieser Bücher, denn er geht auch gerne auf Entdeckungsreise in andere Kulturkreise, und ist immer wieder überrascht, wie universal die Märchen letztlich doch sind. Oder wie Professor Bausinger sagt: "Märchen sind Allgemeinbesitz; sie gehören niemandem."

Die Idee des Vaters war es nun gewesen, den Protagonisten, den "Mann, der nicht sterben wollte" auf eine längere Reise zu schicken. Ähnlich dem Dekameron (oder 1001 Nacht wohl eher...) dient die Titelgeschichte als Rahmenhandlung, in dessen Verlauf viele weitere Geschichten erzählt und erlebt werden. Der Leser begleitet den "Mann, der nicht sterben wollte" somit auf seiner Queste nach der Unsterblichkeit. Hier schlägt der Vater eine weitere Brücke über die Kulturen: waren die Kreuzritter, die Blut, Tod und Verderben in den arabischen Raum brachten, nicht auch in einer mythischen Dimension auf einer Queste nach Unsterblichkeit, nach dem Heiligen Gral? Nun, auch dieses Thema ist nicht Alleinbesitz eines Kulturkreises, sondern ist eben auch Thema dieses Märchens, wenn es hier auch nicht um einen Becher geht und religiöse Figuren keine Rolle spielen.

In den heutigen Zeiten, in denen der Sohn es oft hinderlich findet, dass seine Eltern ihm einen arabischen Namen gaben (damals, in den 70ern, als der Feind noch der Russe war), wird ihm immer wieder bewusst, wie grundlegend wichtig die Arbeit des Vaters ist. Neulich war er beim Sächsischen Märchenfestival und hat Kindern aus Sachsen die Welt des Orients näher gebracht. Fazit? Kinder kennen keinen Rassissmus. Sie sind offen, neugierig und können noch auf die Stimme des Herzens hören. Auch im Pegida-Land Sachsen. Sachen gibts.

Das Orient-Bild vieler Europäer ist leider verschoben. Das trifft leider aber auch auf hier lebende Migrantenkinder in der zweiten, dritten oder gar vierten Generation zu, denen die hiesigen Gesellschaften auf Grund von Aussehen oder Namen die Integration immer noch erschweren, und die zu romantisierenden Vorstellungen über die Kulturen der Länder ihrer Vorfahren neigen.

"Kommunikation, wenn sie richtig betrieben wird, führt zu Kommunion", sagte der Vater bereits vor vielen Jahren oft. Es ist das Wort, der Austausch des Wortes, das die Menschen verbindet. Wo schweigen herrscht, wird Ignoranz, Angst und letztlich Hass und Gewalt Tür und Tor geöffnet.

Wo wir kommunizieren, wirklich kommunizieren, wächst Verständnis. Wir sind ähnlicher, als uns bewusst ist, ähnlicher, als unsere Regierungen uns glauben machen. Unsere Geschichten sind universell wie die Märchen. Der "Lokalkolorit" mag anders sein, aber wir alle sind auf diesem Planeten auf Gedeih und Verderb einer Sache ausgeliefert: uns selbst.


28 November 2015

Hermann Hesse: Gesammelte Werke - Band 2 - Unterm Rad - Diesseits


Gesammelte Werke 2 - Unterm Rad - Diesseits
(werkausgabe edition suhrkamp, Gesammelte Werke in 12 Bänden, Auflage 1976)
I. Unterm Rad
"Es war etwas in ihm, etwas Wildes, Regelloses, Kulturloses, das musste erst zerbrochen werden, eine gefährliche Flamme, die musste erst gelöscht und ausgetreten werden. Der Mensch, wie ihn die Natur erschafft, ist etwas Unberechenbares, Undurchsichtiges, Gefährliches. Er ist ein von unbekanntem Berge herbrechender Strom und ist ein Urwald ohne Weg und Ordnung. Und wie ein Urwald gelichtet und gereinigt und gewaltsam eingeschränkt werden muss, so muss die Schule den natürlichen Menschen zerbrechen, besiegen und gewaltsam einschränken; ihre Aufgabe ist es, ihn nach obrigkeitlicherseits gebilligten Grundsätzen zu einem nützlichen Gliede der Gesellschaft zu machen und die Eigenschaften in ihm zu wecken, deren völlige Ausbildung alsdann die sorgfältige Zucht der Kaserne krönend beendigt."
 Unterm Rad - wer kennt diesen Roman nicht? Wer hatte ihn nicht als Schul(pflicht)lektüre verordnet bekommen? Wahrscheinlich einer der meistgelesenen Romane von Hermann Hesse. Und bei all meiner Liebe zum Autor - bis zu diesem Jahr hatte ich ihn nie gelesen. Angefangen ja (ich kam immer nur bis zur Aufnahmeprüfung in Stuttgart, dann wurde mir langweilig) aber niemals beendet.
Wie kommt es? Nun, zum Einen weil mich die Thematik zur "Hochzeit" meiner Hesse-Begeisterung nicht wirklich interessierte. Ich war angezogen von seinen späteren Werken, vom spirituellen "Siddhartha" (meinem ersten Hesse-Roman), vom seelenzerfleischenden "Steppenwolf", von der Selbstfindung im "Demian" und natürlich dem Widerstreit zwischen Wissen und Schönheit in "Narziss und Goldmund". Die "Morgenlandfahrt" war mir Parabel auf mein frühes Interesse an der Freimaurerei.
Den berühmtesten seiner frühen Romane (eben "Unterm Rad") sowie den krönenden Abschluss seines Lebenswerkes ("Das Glasperlenspiel") hatte ich jedoch nie gelesen (Letzteres auch heute noch nicht).
Doch zurück zum Gegenstand dieses kleinen Aufsatzes. Unterm Rad. Mir war seit meinem ersten Semester Japanologie auch oft gesagt worden, dass "alle" Japaner Hesse wegen dieses Romans kennen, und das wundert mich nicht, dürfte sich doch so ziemlich jeder Japanische Schüler in der Person des Protagonisten, des Kindes Hans Giebenrath, wiedererkennen. 
Ein "Wunderkind" aus dem schwäbischen Teil des Schwarzwaldes (Calw), schafft er es als einziger Sohn seiner Stadt in Jahren, auf das renommierte Kolleg zu kommen, in welchem die schwäbischen Priester seit Generationen ausgebildet werden. Ins Kloster Maulbronn muss er also, und dort findet er heraus, dass er zwar der hellste Kopf in Calw war, hier aber die hellsten Köpfe des Landes versammelt sind und er jetzt nicht mehr der "Big Fish" im kleinen Dorfteich ist.
Seine Freundschaft mit dem emotional instabilen Künstler Hermann Heiler (klarer Hermann-Hesse Alter-Ego) wird dem armen Giebenrath zum Verhängnis - die beiden ungleichen Buben verbindet rasch eine Freundschaft griechischen Ausmaßes, und die schulischen (und geistigen) Leistungen von Hans lassen schnell und spürbar nach. Der Erfolgsdruck macht ihn zudem krank, und so wird der anfangs als "Geheimtipp" gehandelte Musterschüler binnen eines Jahres zur Enttäuschung der Schule und seiner Heimatstadt - und nach Hause zu seinem Philistervater geschickt.

Zurück in Calw bleibt dem armen "drop out" nichts anderes übrig, als eine Handwerkerlehre anzufangen, was dem hoch geistigen Buben jedoch physisch schwer fällt.

Der Roman endet erwartet tragisch und unerwartet abrupt - ich kann nicht umhin, dass ich den Roman (oder die Novelle?) enttäuscht und mit einem bitteren Beigeschmack zur Seite legte.

Kerngedanken zu "Unterm Rad":

Eine Schlüsselszene der Geschichte ist eine Standpauke von Hans Giebenrath im Büro des "Ephorus" (Schulleiters) von Maulbronn. Durch den ständigen Druck, die daraus folgenden Kopfschmerzen und Erschöpfungszustände von Hans Giebenrath und auch durch die Freundschaft mit Hermann Heiler hat Hans - einst der "beste Hebräiker der Schule" im Hebräischen einen ständigen Leistungsabfall gezeigt. Zunächst väterlich-freundschaftlich erkundigt sich der Ephorus nach den Gründen, probt hier und da, empfiehlt, "nicht nachzulassen", sonst "käme man unters Rad" und wird dann - ganz Inspektor-Columbo-mässig - gegen Ende der Sitzung sehr unväterlich und fordernd, verbietet Hans quasi weiteren Umgang mit Hermann und setzt ihn so noch mehr unter Druck. In der Folge zerbricht der Junge auch Stück für Stück an der "Gesamtsituation".

Für mich faszinierend an dem Roman war, dass ich es hier wahrhaft mit einer "first hand study" der Zustände an einer schwäbischen Eliteschule gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu tun hatte. Der preußische Einfluss ist klar - Untertanenmentalität und Gehorsam, ja Fügsamkeit vor der Obrigkeit, sei sie religiös oder staatlich, sind hier die Tugenden, nach denen die "rohen, wildwüchsigen" Jünglinge hin erzogen werden müssen. Der Schritt zu den blinden, jubelnden jugendlichen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg Lieder schmetternd an die Front gefahren sind um für Kaiser und Heimat jämmerlich zu krepieren ist hier klar vorgezeichnet.
Für mich als im Schwäbischen aufgewachsenes Kind der 70er-Jahre war dies auch eine Lektion, wie die Schwaben so gar nicht so anders waren als die Preußen. 

Die "Leistungsgesellschaft" von heute war schon damals, zumindest in den Elite-Kreisen, ab- und vorgezeichnet. Max Weber hat die "protestantische Ethik" für den Aufstieg des Kapitalismus und den Erfolg der USA zitiert, und hier kann man aus erster Hand lernen, wie die Mentalität der Pietisten diese Ethik "in natura" lebte (Hesses Eltern waren strenge, pietistische Missionare, die es dem jungen Hermann nie verziehen hatten, dass er Dichter, und somit ein für den Herrn und die Kirche verlorener Sohn, wurde).

Nun bin ich keinesfalls antiautoritär erzogen worden, aber wenn man "Unterm Rad" als Studie über die Erziehung meiner Großelterngeneration liest, wird klar, warum meine Elterngeneration zu diesen neuen, radikalen Erziehungsmethoden neigte. Das Pendel schwingt wohl immer erst in Extremen, bevor es sich dann - wenn alles gut läuft - beruhigt.

II. Diesseits
Diese Sammlung an Erzählungen sagte mir im Unterschied zu "Unterm Rad" vor dem Lesen überhaupt nichts. Ich hätte nicht einmal sagen können, dass Hermann Hesse überhaupt solche Erzählungen verfasst hätte.

Nun, circa zwei Monate nach dem ersten Lesen der Geschichten bleiben bei mir nur Versatzstücke haften. Es sind fast allesamt Geschichten aus der Jugend von jeweils unbekannten Protagonisten, aber überall sieht man, dass es um biographische Elemente geht.
In der "Marmorsäge" geht es um eine unglückliche Liebe, die tragisch endet, und an der Hesse wieder einmal exemplarisch die gesellschaftlichen Zwänge der Klein- und Kleinstbürger auf dem Lande darstellt.
"Aus Kindertagen" berichtet genau von solchen, und der ersten Erfahrung des Protagonisten mit dem Tod, der einen etwas älteren Buben nach langer Krankheit ereilt.
"Eine Fussreise im Herbst" ist eine fast mystische Rückreise in die späte Jugend und zur ersten, längst verheirateten Jugendliebe, die melodramatisch mit einem meiner Lieblingsgedichte Hesses endet: "Im Nebel".
"Der Lateinschüler" wiederum spielt mit der ersten Liebe und dem "Leben lernen" eines Jünglings, der zum ersten Mal ein eigenes Zimmer fern der Heimat bewohnt. 
"Heumond" ist eine Variation der Geschichte der ersten Liebe, ist "Sturm und Drang" im kleinbürgerlichen Gewande, kommt sehr unschuldig und ohne große Dramen daher, schildert aber im Detail die Veränderungen der Wahrnehmung und des Empfindens, die mit dem "Erwachsen werden" einhergehen und zeigt, welch feines seelisches Gespür Hesse hatte.
"Schön ist die Jugend" ist die Geschichte eines jungen Mannes, der nach einigen Jahren im Beruf und in der Fremde zum ersten Mal und über den ganzen Sommer hinweg wieder ins kleinstädtische Zuhause kommt. Sehr zärtlich erfühlt man hier, was Heim- und Fernweh bedeuten und wie der einmal Ausgewanderte es nimmer schafft, in der einstigen Heimat wieder Fuß zu fassen. Diese Geschichte fand ich am Schwierigsten zu lesen, denn in ihr fand ich viel persönliches und schmerzhaftes - Gefühle, die ich im Alltag versuche, zu unterdrücken.
"Der Zyklon" schließlich erzählt die Geschichte eines "ehemaligen Buben", der nun als junger Mann symbolisch an einem Tag, an dem ein schwerer Sturm seine Heimatstadt beschädigt und vielerorts für immer verändert, lernt, dass die Tür zu seiner Jugend und Kindheit für ihn von nun an für immer verschlossen ist.
"In der alten Sonne" schließlich ist die seltsamste Geschichte von allen. Hier ist Hesse als "Alter Ego" oder gar Protagonist meiner Ansicht nach gar nicht vorhanden. Hier geht es um eine ehemalige Gaststätte, die nun als eine Art sozialer Unterkunft für mittellos gewordene alte Männer dient, und von den teils tragischen, teils idiotischen "Abenteuern" einiger ihrer Bewohner handelt. Eine Geschichte, die irgendwie nicht in das Gesamtbild der Sammlung passen will.

Fazit:
Alles in allem fand ich das Lesen von "Diesseits" teilweise unterhaltsam, aber stets auch mühsam. Teilweise, weil manche Geschichten mich dann doch auch sehr nostalgisch und melancholisch stimmten, teilweise weil es mir schwer fiel, mich auf die Charaktere und das allgemeine "Setting" einzulassen. Als Gesamtwerk betrachtet erscheint es mir, Hesse hätte sich hier von James Joyce beinflussen lassen, denn die Geschichten fangen tendenziell in der früheren Kindheit und Jugend an, enden dann aber im Alter, ganz so wie in Joyces "The Dubliners".

Wer aus dem Schwarzwald oder dem Schwäbischen stammt, der findet hier sicherlich Versatzstücke aus der Heimat wieder, für alle anderen dürfte die Lektüre von "Diesseits" eher karge Kost sein, quasi "für Fans" des Autors.

18 Oktober 2015

Hermann Hesse: Gesammelte Werke - Band 1 - Gedichte - Frühe Prosa - Peter Camenzind. Werkausgabe Edition Suhrkamp.






Hermann Hesse und ich
Hermann Hesse war wohl der erste Autor von “richtiger” Literatur, den ich ernsthaft las. Bis zum Alter von 17 Jahren umgab ich mich fast ausschließlich mit Büchern aus der Fantasy- und Science-Fiction - Ecke, die einzigen Ausflüge in die Welt der Klassiker stellten die Pflichtlektüren der Schule und für Jugendliche romanisierte Fassungen der griechischen Sagen des Altertums dar.

Hesse war also der erste Autor aus dem Bereich der “E-Literatur” (manche Literaturkritiker würden wohl auch seine Werke eher in den Bereich der “U-Literatur” stellen, ich persönlich halte von dieser überholten Unterteilung nicht viel; elitärer Unfug eben), den ich mit Leidenschaft las.

Der “Siddhartha” war mein erster Hesse-Roman, ich war 17 und frisch verliebt und dieses Buch öffnete mir die Tür heraus aus meinem schwäbischen Dorf und der christlichen Erziehung und hinüber in den verheißungsvoll ausschauenden “Osten”. Es folgten (in nicht mehr nachvollziehbarer Reihenfolge) mein Kirchenaustritt, die Entdeckung des Yoga und Yogananda’s “Autobiographie eines Yogi”, der Besuch diverser Esoterik-Messen in Stuttgart und im Tübinger “Casino”, die Beschäftigung mit tibetischem und japanischem Buddhismus und schließlich der Entschluß, nach der Lehre entweder Tibetologie in Freiburg oder Japanologie in Tübingen zu studieren, natürlich gepaart mit Religionswissenschaft.

All dies geschah, und es gab mehrere beeinflussende Schlüsselfaktoren auf diesem Weg der Entdeckungen, aber ausgelöst hat dies in der Tat Hermann Hesse. Vielleicht lag es am ähnlichen “kulturellen Code” - Hesse kam aus Calw, ich aus Weil im Schönbuch, Orte, die nicht einmal 40 Kilometer auseinander liegen. Eine Großmutter Hesse’s kam angeblich sogar aus meinem Heimatort.

Hesse wuchs auf in einem streng pietistischen Elternhaus, wo alleine der Wunsch, “Dichter” zu werden eine Sünde war und der erste Schritt auf dem “breiten Pfad” zur Hölle. Ich wurde in der beengten Gemeinde der Weilemer Neuapostolen erzogen, und wäre da nicht mein agnostischer, nordafrikastämmiger Vater gewesen, höchstwahrscheinlich auch in dieser Gemeinde geblieben und womöglich auch selbst noch Priester geworden.

Was bei Hesse die Dichtung war, war bei mir die Liebe zu Fantasy, Rollenspielen und der Sehnsucht nach einem “Reich der Feen und Elfen”, was ich zeitweise erhoffte, irgendwann einmal in Irland zu finden, welches in den 80er Jahren eine magische Anziehungskraft auf mich ausübte.

Nun habe ich von Hesse einige Romane gelesen, aber längst nicht alle. Seine Gedichte sind mir gut bekannt, seine frühe Prosa war es aber bis vor kurzem noch gar nicht. Seit gut 10 Jahren besitze ich zwar die Werkausgabe in zwölf Bänden, aber sie fristete ein unberührtes Dasein in meinem Bücherregal (wie so viele andere Bücher, deren Rezensionen hoffentlich in den kommenden Jahren ihren Weg in dieses Blog finden werden).

Wie dem auch sei, hier nun erst einmal meine Ansichten über den ersten Band, der aus drei Teilen besteht: ausgewählten Gedichten, der frühen Prosa und seinem ersten Roman, Peter Camenzind.


Gesammelte Werke 1 - Gedichte - Frühe Prosa - Peter Camenzind
(werkausgabe edition suhrkamp, Gesammelte Werke in 12 Bänden, Auflage 1976)

  1. Gedichte

Welkes Blatt
Jede Blüte will zur Frucht,
Jeder Morgen Abend werden,
Ewiges ist nicht auf Erden
Als der Wandel, als die Flucht.

Auch der schönste Sommer will
Einmal Herbst und Welke spüren.
Halte, Blatt, geduldig still,
Wenn der Wind dich will entführen.

Spiel dein Spiel und wehr Dich nicht,
Laß es still geschehen.
Laß vom Winde, der dich bricht,
Dich nach Hause wehen.

Kleiner Gesang
Regenbogengedicht,
Zauber aus sterbendem Licht,
Glück wie Musik zerronnen,
Schmerz im Madonnengesicht,
Daseins bittere Wonnen…

Blüten vom Sturm gefegt,
Kränze auf Gräber gelegt,
Heiterkeit ohne Dauer,
Stern, der ins Dunkel fällt:
Schleier von Schönheit und Trauer
Über dem Abgrund der Welt.

Die Gedichte Hesse’s lagen mir in meiner “Sturm und Drang”-Phase sehr am Herzen. Mit 17, 18 durchlebte ich mein “weltanschauliches Ringen”, stellte alles in Frage, was Teil meiner (christlichen) Erziehung gewesen war, wollte aber das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und suchte für meine spirituellen Bedürfnisse einen neuen “Weg”. Es war das “Fin de Siècle”, und in Europa erlebte in den 1990er Jahren die “Esoterik” einen großen Boom. Sogar in Tübingen machte ein Esoterik-Laden auf, es gab Esoterik-Messen und auch ich las eifrig in diesem Gebiet, ständig bemüht, einen Mittelweg zwischen “echter” Spiritualität und markschreierischem Blödsinn zu finden (denn meinen Verstand konnte ich auch damals nicht abschalten, und so manche Blüte dieses Booms kam mir auch da schon recht unvernünftig vor).

So mancher bunten Gestalt begegnete ich damals. Und ob es nun westliche Wege wie Okkultismus, Magie, Paganismus; der von der kirchlichen Tradition losgelöste Engelsglaube oder indianische Heilrituale waren oder eben östlich angehauchte Traditionen aus dem buddhistisch-hinduistischen Umfeld - immer war es eine wichtige Aufgabe, in dem ganzen glitzernden Wirrwar und der offensichtlich wirtschaftlich-monetär motivierten Schar von Anbietern jene Körnchen Ernsthaftigkeit und “echter Tradition” zu finden, die einen wirklich innerlich und moralisch reifen lassen würden. Ein guter Leitfaden in jener Zeit war für mich die Grundphilosophie meines Vaters gewesen, Menschen mit Misstrauen zu begegnen, die zuviel Enthusiasmus an den Tag legten.

Hesse’s Gedichte kamen mir damals sehr entgegen, denn ihre hohe Emotionalität und Dramatik entsprach sehr oft meiner inneren Gefühlswelt. Gedichte wie “Nach dem Fest”, “Nebel” oder auch “Stufen” waren dabei die Prominentesten, wenn ich in lockererer Stimmung war, auch mal der “Mann von 50 Jahren”.

In dieser Ausgabe sind Gedichte aus allen Lebensaltern Hesse’s vertreten, und mit dem jetzigen Abstand von meiner eigenen Jugendzeit kommen sie mir teilweise zu emotional vor, es wundert mich manchmal, wie Hesse auch im Alter immer noch eine Gefühlswelt pflegen konnte, die derjenigen meiner Jugend entsprach. Manche Gedichte kann ich heute nur noch überfliegen, bei anderen muss ich innerlich lächeln, aber vor allem seine auf den ersten Blick harmlos daherkommenden Naturbetrachtungen (die ich damals als Jugendlicher eher uninteressiert überflogen hatte) erscheinen mir jetzt in einem neuen, hoch relevanten Licht. Denn wo der junge Hesse seine Gefühle vor allem in Liebesthemen zum Ausdruck bringt, erscheint der ältere Hesse eine beizeiten starke Nostalgie zu fangen, beizeiten eine düster-realistische Nähe des Todes zu atmen.

  1. Frühe Prosa
Die frühe Prosa, hier vertreten mit diversen Erzählungen unter dem Titel “Eine Stunde hinter Mitternacht” und Geschichten rund um den Hesse-Alter-Ego “Hermann Lauscher” las ich dieses Jahr zum ersten Mal.
Teilweise ist die etwas überschwülstige Romantik der ersten Prosastücke für mich hart zu ertragen - es ist einfach zu lange her, seitdem ich ernsthaft verliebt war, und nichts steht mir derzeit ferner im Leben als eben jene Gefühle von Liebe und verliebt zu sein...

Der “Hermann Lauscher” Zyklus hat mir hingegen sehr gefallen. Die Erzählungen um den unsteten Studenten, auch eine Geschichte (“Die Novembernacht”), die im Tübingen des späten 19. oder sehr frühen 20. Jahrhundert spielt (und in den Kneipen der Tübinger Altstadt), hat in mir liebe Erinnerungen geweckt sowie sehr viel Nostalgie. “Lulu” wiederum atmet pure Magie und ist Hesse’s Verbeugung vor E.T.A. Hoffmann. Die “Schlaflosen Nächte” wiederum triefen mir zu viel mit einer Mischung aus Depression und Selbstmitleid, und ich fand keinen Bezug zu ihnen.

Abgeschlossen wird dieser Teil des Buches von einigen Tagebucheinträgen aus dem Jahre 1900. und hier erhält man ganz interessante Einblicke in Hesse’s Gefühls- und Gedankenwelten.
Auch seine Meinungen zu anderen Autoren sind teilweise von Interesse: “(...) es ist körperlich ungesund, solche Sachen zu lesen. Mit Tolstoi geht es mir genau wie mit Zola, mit Ibsen, mit Luther, mit Hebbel und zwanzig anderen Größen - sehe ich sie, so muss ich den Hut abnehmen, wohler aber ist mir, wenn ich sie nicht sehe.”

  1. Peter Camenzind
Sein erster Roman also: Peter Camenzind. Zum ersten mal also lese ich ihn, 23 Jahre nach meiner Begegnung mit Siddhartha. Fazit? Sehr anders. Der Camenzind scheint mir, spätere Werke Hesses kennend, wie ein recht unfertiger “Demian” oder halbgarer “Steppenwolf”. Ein Versuch. Ein Entwurf. Aber das wird der Geschichte natürlich nicht gerecht, die immerhin sein erster Roman war. Es zeigt sich also schon hier die Gangart und Richtung, in die Hesse’s spätere Werke gehen werden.
Peter Camenzind, Sohn eines Schweizer Bergtales, der außer Ziegen über die Almen zu treiben vor seinem Umzug in die große Stadt nicht viel von der Welt wusste, liest sich flüssig und angenehm, der Roman erweckt aber nicht dieselben großen Gefühle der späteren Werke, und er hinterlässt auch nur ein bedingtes Gefühl von Befriedigung am Ende der Geschichte - das Ende des Romans wirkt unfertig und nicht endgültig.

Der introvertierte Bauernsohn, der in Basel und Zürich Schwierigkeiten hat, Anschluss an die “besseren Kreise” zu finden, seine Gefühle in gesellschaftlich akzeptabler Weise zum Ausdruck zu bringen. Der viel und gerne trinkt und auch kräftig zulangen kann.

Was im Gedächtnis bleibt, sind Szenen der Zärtlichkeit wenn er sich um einen “Krüppel” kümmert und schließlich zu sich nach Hause aufnimmt oder seine Italienreisen, wo er sich auf einmal vom deutschsprachigen Kulturkreis verabschieden und das Leben so leben kann, wie sein innerstes Selbst es liebt.

Eine Schlüsselszene der Erkenntnis und inneren Entwicklung, die auch für Hermann Hesse und sein Werk wichtig und aussagekräftig war und ist, wird auch im Camenzind geschildert, namentlich die bewusste Wahl, dass es Hesse nicht um die Veränderung der Gesellschaft durch politische Bewegungen oder Meinungen geht. Es liegt ihm einzig an der Beeinflussung und Veränderung des Individuums.

“(...). Andere hielten es für erstrebenswert, den ewigen Weltfrieden herbeizuführen. Und wieder einer kämpfte für die darbenden unteren Stände, oder sammelte und redete dafür, dass Theater und Museen fürs Volk gebaut und geöffnet wurden. Und hier in Basel wurde der Alkohol bekämpft.
In all diesen Bestrebungen war Leben, Trieb und Bewegung; aber keine davon war mir wichtig und notwendig, und es hätte mich und mein Leben nicht berührt, wenn alle jene Ziele heute erreicht worden wären. Hoffnungslos sank ich in den Stuhl zurück, schob Bücher und Blätter von mir und sann, und sann. Dann hörte ich vor den Fenstern den Rhein ziehen und den Wind sausen und lauschte ergriffen auf diese Sprache einer großen, überall auf der Lauer liegenden Schwermut und Sehnsucht. Ich sah die blassen Nachtwolken in großen Stößen wie erschreckte Vögel durch den Himmel flattern, hörte den Rhein wandern und dachte an meiner Mutter Tod (...).”

Hermann Hesse hat dies später immer wieder gesagt: in seiner Jugend hätte er auch an Marx und Lenin gedacht und für eine kurze Zeit lang geglaubt, die großen gesellschaftlichen Gegenentwürfe hätten formende Kraft, um die Menschheit als Ganzes weiterzubringen. Aber Hesse war zu sensibel und zu intelligent, um auf die großen Ideologien hereinzufallen. Dass der Mensch, so wie er ist, so wie das Individuum ist, ganz unabhängig von der vorherrschenden Gesellschaftsordnung im Dunkeln sein und bleiben würde, sah er nur zu deutlich.

Deshalb zielt er auf das Kern des Individuums. Selbst sein Buch über den Buddhismus und die Erreichung des Nirvana ist letztlich ein sehr westliches, ein sehr modernes Buch: es ist die westlich-individualistische Antwort auf den Buddhismus.

Heute erscheint Hesse's Welt- und Menschenbild als Norm, aber damals, als der junge Schwabe sich in der Schweiz vor dem Irrsinn der Weltkriege und Rassenideologien verschanzte, war er seiner Zeit weit voraus. Ähnlich wie Nietzsche, wenn auch ganz anders, war auch Hesse seiner Zeit um mindestens 50 Jahre voraus. Manche seiner Werke wurden erst sehr viel später Teil der Populärkultur (wie der "Steppenwolf" ein Schlüsselroman der Hippie-Bewegung wurde).

Und erscheint heute vieles aus Hesse's Feder antiquiert und überholt, so kann man auch im Jahre 2015 immer noch persönlichen Gewinn aus einer ernsthaften Lektüre Hesse's ziehen.