29 November 2009

James Joyce: "Ein Porträt des Künstlers als junger Mann" ("A Portrait of the Artist as a young man")



Ein Porträt des Künstlers als junger Mann (Bibliothek Suhrkamp)



Joyces "Porträt", mit sein frühester Roman, wird oft als gute und einfache "Einstiegslektüre" zu seinem Gesamtwerk und vor allem zu seinem Hauptwerk "Ulysses" betrachtet.


Nachdem ich am "Ulysses" mehrfach gescheitert bin dachte ich, dass ich mich zunächst einmal besser an diesem Buch versuchen sollte. Also besorgte ich mir die englische Ausgabe (ganz stilvoll gekauft am "Bloomsday" im "Joyce Tower" in Dublin) und verbrachte einige Zeit damit, dieses Buch und damit auch die Kindheit und Jugend des Autors, zu entdecken.


Besonders reizvoll für mich war diese Lektüre auch deshalb, da ich als Arbeitsemigrant in Dublin damit auch ein Bild von der Stadt von vor über 100 Jahren erhielt.


Das "Porträt" ist ein autobiographischer Bericht über Joyces Kindheit und Jugend im Dublin des späten 19. / frühen 20. Jahrhunderts - und es ist ein Meisterwerk!


Ich gestehe dass ich auch so meine Schwierigkeiten mit diesem Buch hatte, und dass ich ohne die fundierten und ausführlichen Fußnoten meiner Originalausgabe schon bald den Faden verloren hätte - zu viele lokale, geschichtliche und religiöse Anspielungen sind in diesem Buch auf engstem Raum untergebracht. Diese geben der Erzählung ihre Dichte und Tiefe, sind aber für den "nicht Eingeweihten" (also nicht irischen, nicht Dubliner, nicht Katholiken) ohne Hilfe nur schwer zu entziffern.


Auf der anderen Seite habe ich durch dieses Buch sehr viel über Dublin und irische Geschichte gelernt - aus der Perspektive des heranwachsenden und erwachsen werdenden James Joyce - welche Privileg!


Joyce hatte seine irischen Landsleute sehr kritisch betrachtet. Er machte es sich selbst nicht einfach und übernahm die damals gängigen Ansichten und Betätigungen, die um ihn herum alle betrieben, um "echte Iren" zu sein (Gälisch lernen, Hurling spielen) bewusst NICHT. Er war ein desillusionierter Ire, der akzeptiert hatte, dass die keltische und keltischsprachige Vergangenheit ein für alle mal Geschichte war. Für die Bemühungen seines Zeitgenossen Yeats, der sich aktiv für die Wiederbelebung der irischen Sprache bemühte, hatte er nur ein müdes Lächeln übrig, und er weigerte sich vehement, dessen okkult-romantische Sicht der Vergangenheit zu übernehmen.


"Irland hat immer nur fremden Herren gedient. Wir sind die Hure Londons und die Hure Roms. Beide Imperien, das Römische und das Britische, haben uns über Jahrhunderte geknechtet und geformt. Über die Jahrhunderte hinweg nach dem ursprünglich irischen, dem Altkeltischen zu suchen, und dabei eine Revolution mit Hurling-Sticks zu organisieren - das ist an sich schon ein Witz, ein tragisch-vergeblicher bestenfalls, aber wahrscheinlich einfach ein Dummer" - so könnte man Joyces' Meinung zu der kulturell-politischen Situation seiner Zeit wohl zusammenfassen.


Wer dieses Buch liest, der versteht warum es für Joyce zum Exil keine Alternative gab. Erst in der Ferne konnte er auf natürliche Art und Weise "Ire" sein. Einem Freund sagte er bereits sehr jung: "Weil der Weg nach Tara [Sitz der keltischen Hochkönige in der irischen Antike] über Holyhead führt" (Holyhead in Wales war der klassische Übergangshafen für Iren, welche ihrem Land in Richtung England und Europa den Rücken kehrten). Damit wollte Joyce ausdrücken, dass er nur in der Ferne einen Zugang zum "echten" Irland finden konnte.


"Warum sollte ich für meine Vorfahren leiden, die einer anderen Rasse das Land überliessen, ihre Sprache übernahmen..." etc... sind die verbitterten Äusserungen des jungen Joyce.


Joyces' Meinung zur katholischen Kirche sind noch drastischer.


In den "religiösen" Kapiteln - Joyce war in seiner Kindheit und frühen Jugend ein glühender Katholik und fast schon auf dem Weg, ein jesuitischer Pater zu werden - zeigt Joyce, wie viel die Weltliteratur den Jesuiten zu danken hat: hätten diese ihn nicht erst zum Fanatiker, dann zum fanatisch kranken und schuldbeladenen Sünder gemacht - wer weiss ob sein literarisches Genie mit solcher Inbrunst nach Aussen gedrängt hätte.


Man erhält einen direkten und intimen Einblick in die Art und Weise, wie die jesuitische Erziehung ganze Generationen von Menschen von Klein auf "geistig verkrüppelt" hat mit ihren erzkatholischen Anschuungen, welche den Körper per se als "sündig" darstellen. Man sieht hier eine Religion der Angstherrschaft und des Terrors über die eigene "Herde".


James Joyce - es tut mir wirklich Leid, dass Du all das durchmachen musstest. Aber ich bin auch froh darüber, denn ohne diese Erfahrungen hättest Du uns nie solch Größe gezeigt.

P.S.: Einen sehr guten (englischen) Kurz-Essay über das Buch findet der interessierte Leser hier: http://english.agonia.net/index.php/article/63510/Stephen%E2%80%99s_Escape_in_Portrait_of_the_Artist_as_a_Young_Man



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