21 November 2010

Ernst Peter Fischer: Die Andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte









Hintergrund:

Im Jahr 1999 hat der ehemalige Professor und Kriminalautor Dietrich Schwanitz ein Buch veröffentlicht, dass es auf die deutschen All-Time - Bestsellerlisten schaffen sollte. Der Titel des Buches war “Bildung. Alles, was man wissen muß.”

Und ähnlich arrogant und spießig wie der Titel des Buches anmutet ist auch sein Inhalt und war auch sein Autor Schwanitz. Dieser ist zwar 2004 verstorben, sein Versuch jedoch, den von ihm bejammerten Verfall der spießbürgerlichen, sich selbst gerne als “humanistisch” darstellenden Elite und ihre “Allgemeinbildung” zu retten, ist nach wie vor ein Verkaufsschlager und wird gerne von besorgten Mitgliedern der Großeltern- und Elterngeneration ihrem ach so kulturlosen Nachwuchs der “Generation Y” auf den weihnachtlichen Gabentisch gelegt.

Schwanitz hatte ganz im Sinne des damaligen Zeitgeistes publiziert, denn um die Jahrtausendwende war es populär, vielleicht im Rahmen einer bis ins Extreme übersteigerten “Fin de Siècle”-Stimmung, den allgemeinen Verfall von Bildung, Kultur, Sitten und dem Abendland überhaupt zu beklagen und quasi als “Impfstoff” und Gegenmittel einen Kanon zu verfassen - der bekannteste Fall dürfte die Kanonsammlung des “Literaturpapstes” Marcel Reich-Ranickis sein, die ab 2002 herausgegeben wurden.

Nun wurde Schwanitz noch zu Lebzeiten genug kritisiert, und durchaus zu Recht, denn sein Buch erhebt einerseits den Zeigefinger des Vorwurfs vor allem an die jüngeren Generationen und andererseits stets den Anspruch, das zu vermitteln, was angeblich “in gewissen Kreisen” als “wahre Bildung” gelte. Hier schrieb einer, der dem elitären Klassendenken des 20. Jahrhunderts nicht entkommen konnte und wollte, einer, der natürlich ganz Kind seines Jahrhunderts und seiner “Klasse” war - der Welt der Eliten und des politischen Filzes jeglicher Couleur. Ein Schulmeister, ganz im altpreußisch-bismarckschen Geiste, der ja in diesen “gewissen Kreisen” bis heute weiterlebt - wenngleich er -meiner Meinung nach zu Recht- von der jetzigen jungen Generation mehr und mehr gemieden wird. Heute ist man Pirat, holt sich sein Wissen bei Bedarf Online und sieht keine Notwendigkeit mehr darin, stur bloße Daten und Fakten auswendig zu lernen, ganz im Einsteinschen Sinne, der einmal gefragt wurde, wie denn die physikalische Formel für Geschwindigkeit lautete und lapidar antwortete: “Warum soll ich mein Gehirn mit Wissen belasten, dass ich in jedem Schulbuch nachschlagen kann?”.

Ähnlich war auch die Kritik des Naturwissenschaftlers Ernst Peter Fischer, jedoch ging sie in seinem Fall noch in eine andere Richtung. In Schwanitz Bestseller wird nämlich von der Antike bis zur jüngeren abendländischen Literatur stets nur behandelt, was bereits im Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts zum Bereich der “klassischen Bildung” zählte: Geschichte, Mythologie, Literatur, Poesie, Kunst, Philosophie - hinzu kamen noch einige Kapitel über Psychologie und Kommunikation.

Es fehlten aber gänzlich und sehr bewusst die Naturwissenschaften. Schwanitz hatte dies sogar begründet: “Naturwissenschaftliche Kenntnisse müssen zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung gehören sie nicht.

Hier setzt der Wissenschaftshistoriker Fischer an und wirft Schwanitz und seinen Anhängern vor, durch die bewußte Ausblendung der Naturwissenschaften sich selbst von fundamentalen und weitreichenden gesellschaftlichen Diskussionen und Dimensionen auszuschließen - ein klares Zeichen von Un-Bildung. Fischer findet auch valable Gründe, warum diese Wissenschaftsfeindlichkeit Teil einer bestimmten selbsternannten “Bildungselite” ist (die Teilung zwischen den “beiden Bildungen” ist Teil abendländischer Kulturgeschichte), und seine Mission ist es, den Nicht-Wissenschaftlern unter uns die Grundlagen der wichtigsten Bereiche moderner Naturwissenschaft näher zu bringen.

Ergebnis:
Ist Ernst Peter Fischers Mission gelungen?
Auf jeden Fall. Allerdings musste auch er sich einige Kritikpunkte gefallen lassen. Zunächst jedoch die positiven Seiten.

In seiner Einleitung bläst Fischer zum Frontalangriff auf Schwanitz’ Wissenschaftsfeindlichkeit und erklärt die Notwendigkeit wissenschaftlicher Grundkenntnisse für alle Menschen. In den folgenden Kapiteln nimmt er seine Leser mit auf eine Reise durch jene Welt der Wissenschaft, und los geht es mit dem Makrokosmos, sprich der Astrophysik. Der geneigte Leser erfährt viel über die Entwicklung der Theorien über das Universum, von Kopernikus bis Einstein, lernt vor allem die umgangssprachliche Spreu vom wissenschaftlichen Weizen zu trennen wenn es um Dinge wie die Allgemeine und Spezielle Relativitätstheorie geht.

Von der Welt des “ganz großen” geht es in die Welt des ganz kleinen, von der Astro- zur Atomphysik, wo auch Einstein einer der Revolutionäre war, dem jedoch weitere vorangingen, zur Seite standen und folgten (Planck, Heisenberg und andere). Von Quanten, Quarks und der Stringtheorie erfährt man hier einiges und Fischer versteht es, seine Leser mitzunehmen auf diese Reise und sie nicht nur mit bloßen Daten und Fakten zu bewerfen. Als Wissenschaftshistoriker gelingt ihm mit Leichtigkeit, woran manch anderer Autor von “Populärwissenschaft” regelmässig scheitert: er setzt die Ideen, Konzepte, Theorien und Entdeckungen in einen historischen Gesamtrahmen, und er versucht stets, alle Seiten der Medaille zu beleuchten, lässt auch gegensätzliche Ansichten nebeneinander stehen. Er ist ein großer Freund des “komplementären Denkens” nicht nur in den Wissenschaften. Widersprüche müssen sich hiernach nicht gegenseitig ausschließen, oft benötigt man sie sogar, um Tatbestände erst in ihrer vollen Bedeutung begreifen zu können.

Von der Welt der unbelebten Materie geht die Reise dann weiter in die Welt der (Mikro-)biologie und man erkennt, dass es zunächst den atomphysischen Ansatz benötigte, um auch die Augen der Biologen auf die Welt des “ganz kleinen” zu lenken. Ohne Einstein, Planck und Co. wäre die “Komposition” der DNA wohl nie möglich geworden. In diesem Teil des Buches lernt man eine ganze Menge über Zellen, Zellkerne, DNA, RNA und Proteine, die Berichte sind auf der Höhe ihrer Zeit (Erstveröffentlichung war 2003).

Das große Finale sind dann mehrere Kapitel über die Evolution, ihre Anfänge bei Darwin und die fortlaufenden Entwicklungen und Diskussionen bis heute. Dieses Kapitel halte ich für das wertvollste und Einsichtsreichste des ganzen Buches.

Hier gelingt es Fischer, einerseits auf anschauliche Weise die Theorien Darwins zu erklären, andererseits aber auch den Leser darüber aufzuklären, warum die aktuellen Diskussionen (v.a. in den USA) am Kern der darwinistischen Evolutionstheorie vorbeigehen (Darwin selbst war ein gläubiger Mensch, dessen Staunen vor der Schöpfung Gottes gerade dadurch erhöht wurde als er erkannte, wie die Gesetze der Selektion und Ausdifferenzierung in der Natur funktionieren). Es ging also nie um einen “Widerspruch” zwischen “Religion” und “Wissenschaft”, dieser wurde vorwiegend von engstirnigen und oft auch fanatischen Vertretern der Religionen konstruiert, denen eben wissenschaftliches Denken immer schon eher fremd war.

Der Schluß des Buches dreht sich dann noch um Themen wie “Revolutionen und Paradigmenwechsel” in der Naturwissenschaft und den Zusammenhang von Naturwissenschaft und Kunst.

Wie ein roter Faden zieht sich eines der Leitmotive durch Fischers gesamtes Buch: Naturwissenschaft ist eben NICHT das sture Auswendiglernen von langweiligen Daten, das mechanistische Widerholen prinzipiell von jedem erlernbarer Arbeitsschritte - sondern ein Abenteuer des Geistes und, wenn richtig betrieben, eine Kunstform.

Fischers großes Plädoyer richtig sich meiner Meinung nach sowohl an die Welt der Wissenschaft als auch an die Gesellschaft als Ganzes:
Wissenschaftler, lasst Euch nicht zu bloßen Datenverarbeitungs-Sklaven degradieren. Begreift die Notwendigkeit, gerade im Bereich der Theorieentwicklung, “Bretter”, die wir konditionierungshalber vor unseren Köpfen haben, zu erkennen und falls möglich zu entfernen. Seid kreativ und sucht Lösungen und neue Denkrichtungen, die ihr so vielleicht in keinem Lehrbuch gelernt habt.
Gesellschaft, erkenne, dass “Wissenschaft betreiben” eine Kunst ist, dass der wissenschaftliche Geist derselbe Geist ist, dem sich zumindest Zeitweise auch Hans Castorp, Protagonist in Thomas Manns “Zauberberg” widmete. Wissenschaft ist kein “steriler Raum”, keine seelenlose Tätigkeit, Wissenschaft ist, richtig betrieben, ein Abenteuer, welches sich auch auf philosophischen Ebenen abspielt. Wissenschaft treiben hat mit dem Kern unseres “Mensch-Seins” zu tun und ist kein Gegensatz zu Literatur und Poesie. Wenn überhaupt dann ist sie komplementär.

Ich bin Fischer sehr dankbar für dieses Buch. Auf den Gedanken gekommen, dass die DNA-Doppelhelix eben keine einfach unter dem Elektronenmikroskop gefundene Struktur darstellt, sondern ein Symbol der vorgefundenen Spuren des mikrobiologischen Lebens ist, der menschliche Versuch, Moleküle so anzuordnen, dass Untersuchungsergebnisse einen Sinn machen - dass Watson zum Entwurf des Modells der Doppelhelix genauso kreativ sein musste wie Rilke beim Schreiben seiner Gedichte - nun, auf diesen Gedanken wäre ich nie gekommen.

Kritikpunkte
Mein persönlicher Hauptkritikpunkt am Buch ist, das der Autor mich in manchen Kapiteln dann doch verloren hat. Vor allem bei der Reise in die Welt der Atome konnte ich seinen Ausführungen dann zeitweise doch nicht mehr folgen. Sollte er an einer Neuauflage arbeiten würde ich ihn bitten, hier den Laien noch mehr zu berücksichtigen, denn ich habe zwar inzwischen eine Ahnung, was die “verschränkte Welt” ist in der wir leben, was sich aber den modernen Theorien zur Folge auf subatomaren Leveln abspielt und was genau Quanten- und Feldtheorie aussagen und voneinander unterscheidet, nun dies ist mir nach wie vor noch etwas schleierhaft.

Schaut man sich im Internet und bei Amazon.de um fällt auf, dass viele Leser dem Autor “Etikettenschwindel” vorwerfen. Dieser sei eitel und hätte das Buch nur veröffentlicht, um auf den Schwanitz’schen Erfolgszug aufzuspringen. Hier muss ich widersprechen. Im Gegensatz zu Schwanitz führt Fischers Buch eben kein “alles” im Titel - ein wie ich finde fundamentaler Unterschied. An keiner Stelle des Buches äußert Fischer, hier stünde alles geschrieben, was man wissen müsse. Nein, er hat hier zusammengefasst, was man seiner Meinung nach wissen sollte. Natürlich ist so eine Zusammenstellung subjektiv und es sollte vielmehr gefragt werden ob der Autor einen guten Riecher hatte.
Es fehlen viele Bereiche der Physik (Elektronik, Optik), es fehlen die Mathematik als solche. Aber wer dies bemängelt scheint nicht verstanden zu haben, um was es dem Autor wirklich ging. Es ging ihm nicht darum, ein Lehrbuch zu schreiben. Mir scheint, seine Zielgruppe war ganz bewusst die Leserschaft von Schwanitz, also jene Geistes- und Literaturwissenschaftlich interessierten Menschen, die höchstwahrscheinlich nur über sehr wenig naturwissenschaftliche Kenntnisse verfügen. Diesen wollte er kein Lehrbuch vorhalten, dann hätte er nämlich erst einmal Lektionen über die Grundlagen der Mathematik verfassen müssen und spätestens hier alle potentiellen Leser verloren.
Er spricht aber die Sprache der Kultur-Eliten, er zitiert aus Goethe, aus Thomas Mann, aus Rilke. Er nimmt diese Menschen bei der Hand und führt sie in ein ihnen fremdes Land, das Land der Naturwissenschaft. Er erzählt die Wissenschaft, er unterrichtet sie nicht. Natürlich ist die Mathematik die “lingua franca” der Naturwissenschaft, Fischer erklärt dies übrigens auch. Aber es würde den Sinn dieses Buches verfehlen, hier konkrete Lektionen zu geben.

Wer nach der Lektüre des Buches mehr Hunger auf Naturwissenschaft hat, der kann und sollte sich selbst auf die Reise begeben. Fischers ausführliche Bibliografie am Ende des Buches wird hier sicherlich äußerst hilfreich sein.



22 September 2010

Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins ("Nesnesitelná Lehkost Bytí")








Ein Bekannter sagte mir einmal, für jedes Jahrzehnt gäbe es ein oder zwei Bücher, deren Lektüre einem den Geist jener Dekade erschliessen könnten. Für die '90er-Jahre seien dies "Trainspotting" und "American Psycho" gewesen: in dieser Reihenfolge gelesen würden sie den Leser mit auf die Reise nehmen von den depressiv-partydrogenbesessenen 80ern hinein in die 90er, welche von fanatischem Kapitalismus und Ultra-Liberalismus beherrscht wären.

Man kann durchaus geteilter Meinung darüber sein, ob diese beiden Bücher wirklich und wahrhaftig den "Geist der 90er" verkörpern (beide entsprechen nicht meiner persönlichen Erfahrung dieser Dekade), aber zumindest scheinen die in ihnen verarbeiteten Themen stilbildend für die weiße Oberschicht (und im Falle von "Trainspotting" diverse Randgruppen) in der sogenannten westlichen Hemisphäre gewesen zu sein.

Bei der Lektüre von Milan Kunderas "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" erinnerte ich mich an die Äußerung meines Bekannten und frage mich seither, ob dieser berühmteste Roman Kunderas wohl eine Art Schlüsselroman für das Verständnis der 1960er-Jahre - zumindest aus der Sicht und Empfindungswelt osteuropäischer Intellektueller - sein kann.

"Die unterträgliche Leichtigkeit des Seins" ist weniger ein klassischer "Roman", sondern erweckt, zumindest nach der Lektüre, eher den Eindruck eines geschriebenen Kunstfilms in schwarz-weiß, dessen Hauptdarsteller ständig filterlose Gitanes rauchen, vereinsamten Sex haben und Sartre lesen. Kein Wunder wurde der Roman ein erfolgreicher Kunstfilm.

Doch wie ist der Roman? Was für Themen beherrschen ihn, und welche Philosophie liegt ihm zu Grunde?

Zunächst einmal merkt man dem Buch an, dass es von einem Künstler im Exil geschrieben wurde, der auch in der Fremde seine unerreichbare Heimat nicht vergessen kann. Exil ist für mich das Hauptthema des Buches, jedoch eher das innere Exil, denn auch nach ihrer Rückkehr ins kommunistische Prag leben die beiden Hauptprotagonisten weiterhin "im Abseits", sind nicht Teil der Gesellschaft welche sie reflex- und impulsartig ablehnen.

Hauptprotagonisten sind der junge Chirurg Tomas und seine Geliebte Teresa, welche durch eine seltsame gegenseitige Abhängigkeit verbunden sind. Tomas braucht in seinem Leben ständig wechselnde Partnerinnen, weshalb er zwar mit Teresa zusammen lebt, diese aber ständig betrügt. Teresa wiederum hat ein gänzlich anderes Verständnis von Sexualität, welche sie sich ohne Liebe nicht vorstellen kann - diese unterschiedlichen Auffassungen von "Liebe" und "Sex" erzeugen einen Grundton, der sich durch den gesamten Roman zieht und das Leben beider Personen mit jener "Unerträglichkeit" erfüllt, die dann aber durch die nazisstisch anmutende In-Sich-Gekehrtheit eigentlich aller Hauptpersonen gleichzeitig auch eine aus Welt- und Realitätsflucht resultierende Leichtigkeit mit sich bringt.

Für mich am spannendsten war bei der Lektüre des Romans nicht die Rahmenhandlung, obwohl mir auch diese anschaulich zeigte, wie Intellektuelle jener Zeit wohl sich und andere gesehen haben müssen. Außerdem fand ich es erfrischend, einmal die Sicht von Intellektuellen aus einem kommunistischen Regime zu erfahren und deren Unverständnis gegenüber ihren westlichen Kollegen zu begreifen: "linkes" Auftreten im Verständnis westeuropäischer Eliten muss für Schriftsteller und Künstler aus Osteuropa in der Tat befremdlich gewirkt haben. Als Kind westdeutscher Erziehung war dies für mich ein Augenöffner.

Viel spannender als die Liebes- und Leidesreigen von Tomas und Teresa, aber auch von Sabina und den anderen waren für mich die philosophischen und weltanschaulichen Teile des Buches, welche Kundera mal dem einen, mal dem anderen seiner Charaktere in die Gedankengänge legte.

So schreibt er zum Thema "Körper und Seele" und die angeblich aufgeklärte Sichtweise modener Wissenschaft:

"Seit der Mensch alles an seinem Körper benennen kann, beunruhigt der Körper ihn weniger. Wir wissen auch, dass die Seele nichts anderes ist als die Tätigkeit der grauen Gehirnmasse. Die Dualität von Körper und Seele wurde in wissenschaftliche Begriffe gehüllt. Heute ist sie ein überholtes Vorurteil, und wir können fröhlich darüber lachen. Man braucht aber nur über beide Ohren verliebt zu sein und seine Därme rumoren zu hören, und schon zerrinnt die Einheit von Körper und Seele, diese lyrische Illusion des wissenschaftlichen Zeitalters."

Ausgehend von Tomas' trieb, ständig neue Sexpartnerinnen zu finden beschreibt Kundera :

"Männer, die einer Vielzahl von Frauen nachjagen, lassen sich leicht in zwei Kategorien einteilen. Die einen suchen in allen Frauen ihren eigenen, subjektiven und stets gleichen Traum von der Frau. Die anderen werden vom Verlangen getrieben, sich der unendlichen Buntheit der objektiven weiblichen Welt zu bemächtigen.

Die Besessenheit der einen ist lyrisch: sie suchen in den Frauen sich selbst, ihr Ideal, und sind immer von neuem enttäuscht, denn ein Ideal ist bekanntlich etwas, das man nie finden kann. Die Enttäuschung, die sie von einer Frau zur anderen treibt, verleiht ihrer Unbeständigkeit eine romantische Entschuldigung, so dass viele sentimentale Damen ihre hartnäckige Polygamie rührend finden.

Die Besessenheit der anderen ist episch, und darin sehen Frauen nichts Rührendes: der Mann projiziert kein subjektives Ideal auf die Frauen; daher interessiert ihn alles, und nichts kann ihn enttäuschen. Gerade diese Unfähigkeit, enttäuscht zu werden, hat etwas Ungehöriges an sich. Die Besessenheit des epischen Frauenhelden kommt einem billig vor, weil sie nicht durch Enttäuschung erkauft wurde."

Auch den Unterschied zwischen "Liebe" und blosser "Erregung" elaboriert Kundera anschaulich und verbindet diesen mit einer weiteren Hauptthematik des Buches: der Frage nach dem "Schicksal" im Gegensatz zur Auffassung der "Freiheit". Tomas findet seine Freiheit vor dem von einem Schöpfer festgelegten Schicksal, indem er Sex und Liebe trennt. Seine Liebe zu Teresa, die unabhängig und losgelöst von seinen sexuellen Eskapaden besteht und ihn im Inneren erfüllt ist seine Waffe gegen den gnadenlosen "Schöpfer". Indem Tomas sich dessen Vorschrift verweigert, Liebe mit Sex zu verknüpfen, erkämpft er sich sein Stück Freiheit vom Schicksal und von der Vorsehung.

"Die Liebe mit der Sexualität zu verbinden, war einer der bizarrsten Einfälle des Schöpfers. Die einzige Art und Weise, die Liebe vor der Dummheit der Sexualität zu bewahren, wäre, die Uhren in unseren Köpfen anders zu stellen und beim Anblick einer Schwalbe erregt zu sein."

Schließlich und endlich rechnet Kundera in diesem Buch auch mit dem christlichen Abendland als Solchem ab, seziert die unseren Kulturen zugrundeliegenden weltanschaulichen Stränge:

"Der Streit zwischen denen, die behaupten, die Welt sei von Gott erschaffen, und denen, die denken, sie sei von selbst entstanden, beruht auf etwas, das unsere Vernunft und unsere Erfahrung übersteigt. Sehr viel realer ist der Unteschied zwischen denjenigen, die am Sein zweifeln, so wie es dem Menschen gegeben wurde (wie und von wem auch immer), und denen, die vorbehaltlos mit ihm einverstanden sind.

Hinter allen europäischen Glaubensrichtungen, den religiösen wie den politischen, steht das erste Kapitel der Genesis, aus dem hervorgeht, dass die Welt so erschaffen wurde, wie sie sein sollte, dass das Sein gut und es daher richtig sei, dass der Mensch sich mehre. Nennen wir diesen grundlegenden Glauben das kategorische Einverständnis mit dem Sein.

Wurde noch vor kurzer Zeit das Wort Scheiße in Büchern durch Pünktchen ersetzt, so geschah das nicht aus moralischen Gründen. Sie wollen doch nicht etwa behaupten, Scheiße sei unmoralisch! Die Mißbilligung der Scheiße ist metaphysischer Natur. Der Moment der Defäkation ist der tägliche Beweis für die Unannehmbarkeit der Schöpfung. Entweder oder: entweder ist die Scheiße annehmbar (dann schließen Sie sich also nicht auf der Toilette ein!) oder aber wir sind als unannehmbare Wesen geschaffen worden.

Daraus geht hervor, dass das ästhetische Ideal des kategorischen Einverständnisses mit dem Sein eine Welt ist, in der die Scheiße verneint wird und alle so tun, als existiere sie nicht. Dieses ästhetische Ideal heißt Kitsch.

Es ist ein deutsches Wort, das mitten im sentimentalen neunzehnten Jahrhundert entstanden und in alle Sprachen eingegangen ist. Durch häufige Verwendung ist die ursprüngliche metaphysische Bedeutung verwischt worden: Kitsch ist die absolute Verneinung der Scheiße; im wörtlichen wie im übertragenen Sinne: Kitsch schließt alles aus seinem Blickwinkel aus, was an der menschlichen Existenz im wesentlichen unannehmbar ist."

Kunderas gesellschaftsphilosophische Ausflüge führen ihn letztlich zu einer umfassenden Kritik der abendländischen Kultur – egal ob diese nun kommunistisch, kapitalistisch oder christlich ist. In allen ihren Ausformungen nimmt er die metaphysische Kategorie des “Kitsches” wahr, der zur Folge hat, dass die Gesellschaften den wahren Bezug zum Leben verloren haben. Das Grundübel all dieser Ideologien ist seiner Auffassung nach das erste Buch Genesis und der göttliche Auftrag an die Menschen, fruchtbar zu sein und sich zu mehren, vor allem aber, sich die Welt Untertan zu machen.

Und der Ausweg? So unerträglich der Ist-Zustand unserer Kulturen dem Autor vorkommt, er ist nicht gänzlich ohne Hoffnung. Seine Protagonisten machen vor, was eine Lösung, ein Entkommen aus dem System sein kann. Zunächst sind das Exil, dann aber immer wiederkehrende Desillussionierungen, den auch am Zielort des Exilaten trifft dieser auf dieselben Grundmechanismen menschlichen Zusammenlebens. Ob in der kommunistischen CSSR oder in der freiheitlich-demokratischen Schweiz, überall sind die Menschen von der Natur und von sich selbst entfremdet. Überall zwingen politische, religiöse oder sonstige Normen das eigentlich freie Individuum dazu, sich anzupassen und selbst zu verleugnen.

Tomas und Teresa finden am Ende des Buches zumindest scheinbar einen Ausweg, nämlich die absolute “innere Emigration” auf das (kommunistische) “Land” – sie leben in einer Dorfgemeinschaft und schaffen es dort, eine halbwegs intakte Beziehung zu sich selbst, zueinander und zur Gesellschaft aufzubauen. Zwar sind sie auch hier Außenseiter (die Bäuerin versteht nicht wie Teresa so “verrückt” sein kann und ihr Herz an einen Hund hängt), doch scheinen die einfach gestrickten und eher unpolitischen Dorfbewohner mehr Offenheit gegenüber Fremden zu haben als die stets gestressten und von der Parti allzu direct kontrollierten Städter.

Kunderas Spekulationen gipfeln in einem Abschnitt, in dem er an Gandhis Worte anlehnt, der Fortschritt einer Gesellschaft liesse sich daran erkennen, wie diese mit den Tieren umgehe:

“Die wahre menschliche Güte kann sich in ihrer absoluten Reinheit und Freiheit nur denen gegenüber äußern, die keine Kraft darstellen. Die wahre moralische Prüfung der Menschheit, die elementarste Prüfung (die so tief im Innern verankert ist ,dass sie sich unserem Blick entzieht) äußert sich in der Beziehung der Menschen zu denen, die ihnen ausgeliefert sind: zu den Tieren. Und gerade hier ist es zum grundlegenden Versagen des Menschen gekommen, zu einem so grundlegenden Versagen, dass sich alle anderen aus ihm ableiten lassen.

Ein Kalb hatte sich Teresa genähert, war stehengeblieben und schaute sie mit seinen großen braunen Augen lange an. Teresa kannte es. Sie nannte es Marketa. Sie hätte gern allen Kälbern einen Namen gegeben, aber das ging nicht. Es waren zu viele. Vor langer Zeit einmal, und gewiss noch vor vierzig Jahren, hatten alle Kühe dieses Dorfes einen Namen. (Und weil der Name ein Zeichen der Seele ist, kann ich sagen, dass sie eine hatten, Descartes zum Trotz.) Aber dann hat man aus den Dörfern große Genossenschaften gemacht, und seitdem müssen die Kühe ihr Leben auf ihren zwei Quadratmetern in einem Stall verbringen. Sie haben keine Namen mehr und sind “machinae animatae” geworden. Die Welt hat Descartes recht gegeben.

Immer sehe ich Teresa vor mir, wie sie auf einem Baumstumpf sitzt, Karenins Kopf streichelt und an das Versagen der Menschheit denkt. Zugleich taucht ein anderes Bild auf: Nietzsche verlässt sein Hotel in Turin. Er sieht vor sich ein Pferd und einen Kutscher, der das Tier auspeitscht. Nietzsche geht auf das Pferd zu, schlingt ihm vor den Augen des Kutschers die Arme um den Hals und weint.

Das war im Jahre 1889, und Nietzsche war damals auch schon den Menschen entfremdet. Anders gesagt: eben zu dem Zeitpunkt war seine Geisteskrankheit ausgebrochen. Aber gerade deswegen, scheint mir, hat seine Geste eine weitreichende Bedeutung. Nietzsche war gekommen, um be idem Pferd für Descartes Abbitte zu leisten. Sein Wahn (sein Bruch mit der Menschheit also) beginnt in dem Moment, al ser um ein Pferd weint.

Und das ist der Nietzsche, den ich mag, genauso wie ich Teresa mag, auf deren Knien der Kopf des todkranken Hundes ruht. Ich sehe die beiden nebeneinander: beide weichen von der Straße ab, auf der die Menschheit als “Herr und Besitzer der Natur” vorwärtsmarschiert.”

Alles in allem ist Kunderas Buch ein Plädoyer für die Befreiung des Individuums aus gesellschaftlicher Konditionierung – selbst ein in den Augen der meisten Menschen als „wahnsinnig“ bezeichneter Gemütszustand ist jener Konditionierung noch vorzuziehen.

Einige der Protagonisten folgen einem persönlichen „Wahn“, der sie letztlich in den Ruin treibt, doch das Ziel zählt in Kunderas Welt nicht, was allein zählt ist der innere Zustand den man erreicht, wenn man seinen Weg findet und konsequent geht – egal wie rational oder verrückt man in den Augen der „Welt“ dasteht.

Mir scheint, es gibt für Kundera keine absolute Kategorie, auch Kategorien wie „Liebe“ oder „Wahrheit“ sind lediglich subjektive Variablen. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins offenbart sich daher nicht jedem Menschen. Lediglich die von der Masse der Gesellschaft losgelösten, die ihren eigenen Weg suchen empfinden diese.

Geschrieben hat Kundera das Buch im Geiste des Prager Frühlings, allerdings fast 15 Jahre später im Pariser Exil. Ich frage mich ob dieses Buch, das damals wichtig und augenöffnend war, heute noch von Brisanz ist. Könnte es sein, dass wir inzwischen in einer Zeit leben, in der die damals singulären Erfahrungen zur Norm der breiten Masse geworden sind? Und falls ja, was sind die Konsequenzen?




03 Juli 2010

Joe Abercrombie: "Kriegsklingen. First Law 1" ("The Blade Itself")







Als ich im April wegen der isländischen Aschewolke länger als geplant in Deutschland fest sass und eine langwierige Rückfahrt nach Irland mit Bahn und Fähre vor Augen hatte, betrat ich den Böblinger Fantasy-Laden "Fantasy Strongpoint" in der Hoffnung, hier ein halbwegs brauchbares Fantasybuch für unterwegs zu finden. Der Verkäufer muss mir meine Ratlosigkeit sofort angesehen haben (es ist Jahre her dass ich mich in Fantasy- und Rollenspieler-Gefilden bewegte) und dachte wohl zunächst ich hätte mich im Laden geirrt.

Auf meine Frage nach einem guten Fantasy-Roman für eine lange Reise, der aber mehr als nur Kurzweil bietet und nicht die ewig bekannten Strickmuster (Hohlbein, RPG-Romane) wiederholt griff er zielsicher ins Regal und empfahl mir Abercrombie wärmstens. "Ganz ungewöhnlich gut, sehr dick aber ich hab den ersten Band an einem Wochenende durch bekommen."

Ungewöhnliche Dialoge und Charaktere, Sarkasmus, ja Zynismus und eine eher desillusionierte Fantasy-Welt versprach mir der gute Mann.

Er hat nicht zuviel versprochen - "Kriegsklingen" war so gut, dass ich mir, zurück in Irland, die beiden weiteren Bände der Trilogie (Feuerklingen und Königsklingen) schnellstens bestellt und inzwischen auch schon längst durchgelesen habe.

Um was es geht
Die Rahmenhandlung klingt erschreckend banal, und auch der Rückentext klingt eher nach Fantasy für Arme: ein Barbar namens Logen, der "vom kämpfen genug hat", ein Inquisitor namens Sand dan Glokta und ein Magier namens Bayaz sind laut Rückentext die Hauptakteure des Romans. Was die Beschreibung nicht verrät ist, dass es sich hier eher um "Fantasy für Erwachsene" handelt. Es wird geflucht, es wird (viel) geblutet, die Hoffnungslosigkeit der Akteure steigert sich von Kapitel zu Kapitel, die "Entzauberung der Welt" schreitet auch hier voran. Doch ich greife vor.

Fantasy ohne Analfixierung
Man unterscheidet ja landläufig zwischen sogenannter "High Fantasy" und "Low Fantasy". Erstere geht eher in die Tolkien'sche Richtung und bietet Welten voller Magie und Zauberei, wohingegen Letztere eher in die Richtung "Conan der Barbar" (oder Hohlbeins "Enwor-Reihe", um ein mittelmässig gutes Beispiel aus deutschen Landen zu zitieren) geht, sprich in Welten in denen der Kampf und das Gemetzel an erster Stelle stehen und Magie eher eine Randerscheinung darstellt.

Nach dieser groben Klassifikation fällt Abercrombies Klingen-Trilogie ganz klar in die "Conan"-Ecke - ein Genre dass mir eigentlich noch nie so richtig gefallen hat.

Anders als viele der "Low Fantasy"-Kassenschlager steht aber bei Abercrombie das Gemetzel nicht im Vordergrund (obwohl es auch hiervon mehr als genug gibt), sondern ganz klar die Charaktere. Auch hat Abercrombie keine Geschichte geschrieben, in der es wieder mal nur darum geht, von A nach B zu reisen, auf dem Weg möglichst viele Gegner umzuhauen und dann mit Artefakt X Feind Z zu erledigen. Kein Ring, keine Prinzessin und kein Schatz stehen im Mittelpunkt, und das ist gut so.

Auch der seit Tolkien oft grassierende "Fantasywelt-Karten"-Virus ist an Abercrombie - den Göttern sei Dank! - spurlos vorbei gegangen. Zwar ist seine Welt komplex und scheint mindestens 3 Kontinente zu umfassen. Abercrombie ging es aber im Gegensatz zu Tolkien und Konsorten nicht um die minutiöse Darstellung einer Parallel-Welt. Es gibt keine Gedichte und keine Sprachen-Schöpfungen. Welches Land wo liegt kann sich der Leser ungefähr vorstellen, und das reicht auch vollkommen aus. So gesehen ist "Kriegsklingen" ein Fantasy-Roman ohne die in diesem Genre so weit verbreitete Analfixierung.

Zynismus und Hoffnungslosigkeit
Lustigerweise kommen all die zwei Abschnitte weiter oben erwähnten Elemente sogar vor (bis auf den Schatz vielleicht), aber Abercrombie scheint hier absichtlich klassische Fantasy-Elemente zu verwenden um zu zeigen, wie viel mehr er auf dem Kasten und im Sinn hat. Denn wo bei Dutzend-Autoren sich deren Originalität und Repertoire schon beim Fabrizieren einer halbwegs (un)plausiblen Storyline erschöpft, nimmt Abercrombie all dieser Versatzstücke, macht daraus eine mächtig spannende Geschichte - und transzendiert diese Themen gleichzeitig, indem er den Fokus auf die Schicksale, Gefühle, Entwicklungen und Rückschläge der Protagonisten legt.

Dass Abercrombies ganz persönliche Sicht der Welt und des menschlichen Schicksals eine desillussionierte und zynische zu sein scheint wird mit zunehmendem Maße klar, denn wer Romane liest um mit lauter "Happy Ends" belohnt zu werden, der sollte lieber gleich bei den üblichen Verdächtigen bleiben.

Die Hauptpersonen
Der Roman hat drei Haupthandlungsstränge.

Zunächst einmal ist da der Nordland-Barbar Logen. Ein wilder, alterfahrener Kämpe, der sich im ganzen Norden auch als "Blutiger Neuner" einen Namen gemacht hat. Dies rührt daher, dass er vor langer Zeit bei einer Schlacht einen Teil seines Mittelfingers verlor. Ansonsten ist er ein "todbringender Dreckskerl" (dies gibt in etwa die Umgangssprache der Nordländer wieder), der mehr Blut und Elend über die Welt gebracht hat als jeder Andere.

Der Leser begegnet Logen gleich zu Beginn des Romans, als dieser in einer recht aussichtslosen Lage steckt. Es wird schnell klar dass Logen sich eigentlich schon lange nichts sehnlicher wünscht, als ein Leben in Ruhe und Frieden, aber wie er selbst ständig sagt: Blut bringt immer nur mehr Blut hervor, und davon hat er mehr als genug an den Händen. Und man muss in solchen Dingen einfach realistisch sein.

Als Logen als einziger Überlebender ein Gemetzel mit den menschenfressenden "Plattköpfen" überlebt, beschließt er die Nordlande zu verlassen und sich im Süden ein neues, friedlicheres Leben zu suchen.

Dieser Süden, dass sind aus Logens Sicht die Reiche der "Union", des kulturell und technisch am Entwickelsten Teils dieser Fantasy-Welt. Hauptstadt der Union ist die prächtige Hafenstadt Adua, und in ihr wohnen zwei der anderen Hauptprotagonisten.

Sand dan Glokta ist eine tragische Gestalt. Einst war er strahlender Gewinner des jährlichen Fechtturniers von Adua und ging als Held einer Schlacht mit den Erzfeinden der Union, den Gurkhisen vom südlichen Kontinent, hervor. Leider geriet er dort in Gefangenschaft und verbrachte lange, qualvolle Jahre der Folter und Verstümmelung in den Kerkern des gurkhisischen Imperators.

Heute ist er nur noch ein Schatten seiner selbst. Seine Folterknechte haben ihn nicht nur eines halben Beines, fast sämtlicher Zähne und seiner Gesundheit beraubt, sondern auch seines Lebensmuts und seines Stolzes. Als humpelnder, von Krämpfen und Schmerzen geplagter Krüppel wandte er sich der Inquisition zu, für die er sich nun selbst als Folterknecht einen grausigen Namen gemacht hat. Mit der Frage konfrontiert, wie er denn nur so etwas tun könne, wo er doch selbst Opfer grausamster Folterungen wurde, erwidert er stets nur lakonisch: "Was sonst hätte ich denn werden können - wer außer mir weiß denn besser wie man Folter am effektivsten Einsetzt?"

Und so befindet er sich in einer ähnlichen Lage wie Logen der Barbar: Opfer der Umstände, geplagt von Selbstmitleid und Fatalismus ist er nur noch der Schatten eines freien Menschen.

Aus deutscher Perspektive erinnert Glokta übrigens vor allem gegen Ende des dritten Bandes immer mehr an Wolfgang Schäuble. Doch hierauf genauer einzugehen wäre quasi schon ein "Spoiler"...

Jezal dan Luthar, ein Soldat der Union adeliger Abstammung, ist da aus anderem Holz. Jung, hübsch und mit übergroßem Ego gesegnet, verbringt er seine Tage mit Karten spielen, Zechen und der Jagd auf das schöne Geschlecht. Zu dumm dass er auserkoren wurde, in diesem Jahr als Kämpe im Turnier anzutreten. Er wird im Verlauf der Trilogie auch eine interessante Entwicklung nehmen.

Bayaz, erster der Magi, und auch hier gelingt es Abercrombie, zunächst sämtliche Klischees zu bedienen und den Charakter (und das Fantasy-Klischee) dann stückweise zu zerlegen und uns auch hier Seiten zu zeigen, die wir so nicht erwartet und vielleicht lieber nicht gesehen hätten.

Weitere Charaktere sind Bayaz Schüler Malacus Quai und eine seltsame Kreatur aus dem Süden namens Ferro Maljinn, eine dunkelhäutige, gelbäugige Frau von wildem Temperament, die Rache an den Gurkhisen als Hauptmotivation ins Spiel bringt sowie Oberst West und seine Schwester Ardee.

Es gibt eine ganze Reihe weiterer (Neben)Charaktere, und hier liegt die große Stärke und Faszination der Trilogie: jeder Charakter ist glaubhaft, man erkennt und versteht seine Motive (auch wenn man als Leser natürlich ab und an auch an der Nase herum geführt wird und sich erst später herausstellt, was die wirklichen Motive der Person waren - wie im richtigen Leben halt). Es ist diese greifbare, menschliche, plastische und glaubhafte Darstellung (und Entwicklung) der Charaktere, welche aus dem Roman ein solches Lesevergnügen macht.

Themen

Der erste Teil der Trilogie dient Abercrombie dazu, die Bühne vorzubereiten und die Hauptakteure so zu präsentieren, wie er sie dem Leser zunächst verkaufen möchte. Natürlich ist keiner der Protagonisten ein unbeschriebenes Blatt, selbst der junge und unerfahrene Jezal verfügt bereits über eine ganze Reihe von (unschönen) Charakterzügen.

Hier gibt es auch keine klare "Schwarz-Weiss"-Trennung. Keiner hier ist "gut" oder "böse", schon gar nicht "nur gut" oder "nur böse". Tendenzen gibt es auf jeden Fall, Intrigant ist hier fast jeder, und das eigene Fortkommen scheint die Hauptmotivation so ziemlich aller Charaktere zu sein.

So gesehen ist "Kriegsklingen" natürlich ein schrecklich moderner Roman. Er erzählt uns wesentlich mehr über unsere eigene Epoche als über eine imaginäre Fantasywelt auf der Kulturstufe der ausgehenden Renaissance.

Bis wir in den unglückseligen Zustand ständiger "Connectivity" und überall frei abrufbarer und ständig verfügbarer Information gelangten, hatte die Welt ja noch wesentlich mehr "Zauber" und "magisches". Filme aus der vor-Internet-Ära sind noch nicht so extrem geprägt von innerer Leere, Kraft- und Hoffnungslosigkeit. Spätestens seit dem Siegeszug von DSL und den Suchmaschinen lebt ein Großteil der westlichen Gesellschaften in einem ständigen Informationsfluss, ein grundlegendes Lebensgefühl, dass "da draussen" irgendwo noch etwas wunderbares und unerwartetes auf uns warte, ist jedoch passé. Wenn jede Internet-Suche nach einem x-beliebigen Thema 3 Fantastiliarden Ergebnisse bringt, dann führt dies nicht zu besserer Informiertheit der Bürger, sondern zur entsetzlich ernüchternden Einsicht dass ein Leben eh nicht ausreicht, um sich auch nur ein halbwegs passendes Bild vom Universum zu machen, geschweige denn eine wie auch immer sich darstellende spirituelle "Reise" oder "Entwicklung" mit Aussicht auf auch nur mässigen Erfolg anzupacken.

Das Ergebnis der ständig verfügbaren Information ist leider Gottes Resignation und geistige Verflachung sowie eine zunehmende Abhängigkeit von Gadgets, denn inzwischen ist man ja froh, wenn man sich auch nur die eigene Telefonnummer merken kann.

Schweife ich ab? Nicht wirklich, denn ich habe so weit ausgeholt um deutlich zu machen, dass Abercrombies Roman zwar in einer Welt des 15. Jahrhunderts spielt, in der Magie zudem noch vorkommt und durchaus Einfluss und Wirkung hat. Dass der Roman aber ansonsten ganz deutlich ein Kind der "00er"-Dekade des zweiten Jahrtausends unserer Zeitrechnung ist.

Die Protagonisten sind Egomanen, sie suhlen sich in Selbstmitleid und sie sind fast durchweg arrogante Ignoranten, denen der Sinn für Geschichte und Bildung abhanden gekommen ist. Negatives Denken und eine fast schon lethargische Akzeptanz des angeblichen "Schicksals" sind weitere Themen, die Abercrombie hier bearbeitet.

Dabei entwickeln sich die Charaktere dennoch, oft ohne es wirklich zu merken. Dass sie letztlich nur kleine Rädchen im Getriebe der Welt sind und im Hintergrund alte Mächte die Fäden spinnen; dass Banken und Geld dabei sind die neue Religion und die neue Magie zu werden dürften weitere Seitenhiebe Abercrombies auf unsere aktuelle Gesellschaft sein.

Der erste Band endet mit mehreren offenen Handlungssträngen, die den Leser nicht in Ruhe lassen und dazu führen, dass man sich den zweiten Band "Feuerklingen" quasi sofort nach dem Zuschlagen der Buchdeckel kauft oder bestellt.

Fazit

Lesen! Das einzige mögliche Fazit. Wer sich auch nur etwas aus Fantasy macht, wird hier voll auf seine Kosten kommen.

Und wer von der herkömmlichen Fantasy-Literatur genug hat und endlich mal wieder Bücher aus dem Genre verschlingen möchte, sich in eine faszinierende und dekadente Welt hineinfallen lassen möchte, der wird hier Erfüllung finden.

29 März 2010

G. Gumpert / E. Tucai: "Ruhr.Buch - Das Ruhrgebiet literarisch"



Ruhr.Buch: Das Ruhrgebiet literarisch











2010 ist das "Ruhrgebiet" bzw. der "Regionalverband Ruhr" zur europäischen Kulturhauptstadt avanciert. Dieser Band ist ein Lesebuch aus und über diese "Kulturhauptstadt".

Mit der Stadt Essen als Zentrum und 52 weiteren Städten aus dem "Regionalverband Ruhr" entfaltet sich hier vor dem geneigten Leser das Kaleidoskop einer allzu oft unterschätzten Region. Für viele Deutsche nämlich war und ist "der Kohlepott", wie das Ruhrgebiet auch "liebevoll" genannt wird, einfach nur ein Synoym für graue, nichtssagende Städte, die sich ohne sichtbare Grenze aneinanderreihen, von Kohlebau und Naturzerstörung, und natürlich von Hochöfen und Industrie.


Dieses Lesebuch zeigt aber, dass "der Pott" anders ist - überraschend grün und innovativ, und neben den Klischees von Kohlekumpeln und Taubenzüchtern, von Schalke und Duisburger Hochöfen eben auch viele andere, unerwartete Seiten hat.

Der Ansatz, den die Herausgeber gewählt haben, ist ein "ganzheitlicher" - denn die Auswahl der Texte reicht weit zurück in die Vergangenheit, und so ist auch ein Ausschnitt aus dem "Nibelungenlied" vertreten. Es gibt viele Texte aus dem 19. und aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Heine ist ebenso vertreten wie Böll, Georg Kreisler disst Gelsenkirchen und Ricarda Huch zeichnet in ihrem Text aus dem Jahr 1927 ein Bild Dortmunds vor der Zerstörung im 2. Weltkrieg, wie man es heute wohl nirgendwo mehr so finden wird.

Natürlich sind viele der Texte auch voller Lokalkolorit, v.a. der Säufertext "Predigkeits Predikt" von Jürgen Lodemann fällt klar in diese Kategorie. Aber auch Frank Goosens Text "Wieso Fußball?" ist hier absolut Spitze - ein Auszug sei hier angebracht:

"Ich stelle mir das so vor: Menschen, die Briefmarken sammeln, Modellflugzeuge bauen oder Turniertanz betreiben, sitzen an einem ereignisarmen Sonntagnachmittag sinnend auf ihrem Wohnzimmersofa und fragen sich: 'Wo bin ich in meinem Leben falsch abgebogen?'
So eine Frage stellt sich ein Fußballfan überhaupt nicht. Fragen Sie bei uns in der Gegend einen Fußballfan: 'Wieso gehst Du ins Stadion?', antwortet der nur: 'Watt?'
Der versteht die Frage überhaupt nicht.
'Wieso gehst Du zum Fußball?'
'Is doch Samstach!'
Fußball ist uns zwischen Duisburg und Unna, zwischen Recklinghausen und Hattingen ins Genom übergegangen, unsere Doppelhelix besteht nicht aus Aminosäuresequenzen, sondern aus echtem Leder."

Solche amüsanten Texte finden sich hier ebenso wie eine Reise Ralph Giordanos nach Duisburg, um sich dort die Panik von extremen Christen vor dem Bau einer Moschee anzuschauen, oder eben ein Auszug aus Heinrich Heines "Westfälischem Wintermärchen", wo er so schön über die Westfalen schreibt:

"Der lieben Westphalen, womit ich so oft
In Göttingen getrunken,
Bis wir gerührt einander an's Herz
Und unter die Tische gesunken!

Ich habe sie immer so lieb gehabt,
Die lieben, guten Westphalen,
Ein Volk so fest, so sicher, so treu,
Ganz ohne Gleißen und Prahlen.

Wie standen sie prächtig auf der Mensur,
Mit ihren Löwenherzen!
Es fielen so grade, so ehrlich gemeint,
Die Quarten und die Terzen.

Sie fechten gut, sie trinken gut,
Und wenn sie die Hand dir reichen,
Zum Freundschaftsbündniß, dann weinen sie;
Sind sentimentale Eichen.

Viele Facetten, viele Zeitalter, viele Stimmungen vereint dieser Band, und das auf unter 300 Seiten und für unter 10,- Euro - jedem, der sich einmal näher mit dem Ruhrgebiet auseinandersetzen möchte, sei das "Ruhr.Buch" wärmstens empfohlen!
 
 


08 Februar 2010

Robert A. Heinlein: "Fremder in einer fremden Welt" ("Stranger in a strange land")








Stranger in a Strange Land


Den meisten nicht-ScienceFiction-Fans wird Robert Heinlein - wenn überhaupt - als Autor des Buches "Starship Troopers" einfallen. Die wenigsten Film-Fans dürften das Buch jedoch gelesen haben.
Noch unbekannter außerhalb der SciFi- und Heinlein-Fangemeinde ist sein wohl wichtigster Roman "Fremder in einer fremden Welt" ("Stranger in a strange land").

Innerhalb des Science-Fiction-Genres ist dieser Roman zwar ein Meilenstein, aber wie das so oft ist mit Meilensteinen: mehr als den Namen kennen die meisten Leute, wenn überhaupt, nicht. Oder hat einer unter meinen werten Blog-Lesern den "Mann ohne Eigenschaften" gelesen?

In den USA ist dies mit Sicherheit anders - Heinleins Werk ist dort wesentlich bekannter als hierzulande, und vor allem für die Hippie-Bewegung war der Roman von großer Wichtigkeit.

Die ursprüngliche Version musste Heinlein um einiges zensieren, bevor ihm eine Publikation erlaubt war (bevor man auf China zeigt sollte man solche Begebenheiten im angeblich "freien" Westen nie vergessen). Erst lange nach seinem Tod konnte seine Witwe die unzensierte Version veröffentlichen. Ich beziehe mich im Rahmen dieser Rezension auf diese englische Vollversion des Romans.

Worum es geht
Michael Valentine Smith, einer der Hauptcharaktere des Romans, ist der "Mann vom Mars". Im ersten Kapitel wird beschrieben, wie eine erste Mars-Mission zwar zu erfolgreicher Landung führt, dann aber der Kontakt abbricht. Jahre später trifft eine zweite Mars-Mission auf dem Roten Planeten ein, und die Besatzung findet als einzigen lebenden "Rest" der ersten Mars-Mission das Kind zweier - verstorbener - Crew-Mitglieder.
Smith wurde von den Ureinwohnern des Mars - Wesen, welche sich in so ziemlich jeglicher Hinsicht von uns Menschen unterscheiden - aufgezogen und ist damit zwar biologisch ein Mensch, aber von seiner Psyche, Kultur, Veranlagung und Prägung durch und durch Marsianer.
Er wird zur Erde zurück gebracht und dort - er muss sich zunächst an Druck- und Athmosphärenbedingungen der Erde gewöhnen - in einem Krankenhaus unter oberster Sicherheitsstufe verwahrt.

Er befindet sich sofort in Lebensgefahr, denn die politische Lage auf der Erde ist äusserst kompliziert. Eine etwas skurrile Rechtsprechung aus Zeiten der Mond-Eroberung macht aus Smith nämlich den alleinigen rechtmässigen "Besitzer" des Mars, und dazu noch den reichsten Menschen der Erde, denn er ist auch der Erbe am Patent des bislang einzig funktionierenden Raum-Antriebs.

Michael Valentine Smith jedoch weiß nichts von all diesen irdischen Verwirrungen, denn er versteht zunächst nicht einmal kein Wort Englisch, sondern auch menschliche Konzepte wie "Gesetz", "Besitz" oder "Reichtum" sind ihm gänzlich fremd.

Auf eine seiner Krankenschwestern hat seine naiv-unschuldige Art große Wirkung: sie sieht in ihm den "edlen Wilden", das absolut unschuldige Lamm, dass hier Gefahr läuft, auf die Schlachtbank irdischer Rechtsprechung geführt zu werden.

Gemeinsam mit einem befreundeten Sensations-Journalisten entführen sie Smith aus der Klinik und bringen ihn in die Obhut des einzigen Menschen, der sowohl weise, reich, gewieft und mächtig genug ist, Smith dauerhaft Asyl bieten zu können - der Autor, Arzt, Rechtsanwalt und Lebemann Jubal Harshaw.

Dieser ist ein Meister im Intrigen-Spinnen und findet alsbald großen Gefallen an dem "Mann vom Mars", denn er erkennt dessen absolute Unschuld.

Im zweiten Teil des Buches - Michael Valentine Smith hat nun die menschliche Sprache und etliche menschliche Sitten und Gebräuche gelernt - macht sich Smith daran, die Menschheit von deren Elend zu befreien. Nachdem er die menschlichen Kulturen in all ihren Dimensionen studiert hat, ist er zu dem Schluss gelangt dass er eine Religion konzipieren muss, denn nur so kann er bei zumindest einigen Menschen grundlegende Veränderungen bewirken. Er gründet die "Church of All Worlds", die in mehreren Zirkeln aufgebaut ist und die Mitglieder lernen im Laufe ihrer fortschreitenden Einweihung v.a. Marsianisch, denn das Beherrschen dieser Sprache führt auch zur Entwicklung der latent im Menschen schlummernden Kräfte, was eine Verjüngung und absolute Gesundheit ebenso zur Folge hat wie sogenannte "übernatürliche" Fähgikeiten: Telekinese, Gedankenlesen, Resistenz gegen Temperaturen, Hunger etc...

So faszinierend der Gedanke für mich war, dass man durch das Lernen einer Sprache auch "übernatürliche Fähigkeiten" erwerben kann (ich fühlte mich da an das Bonmot des Sprachphilosophen Wittgenstein erinnert: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt") - der Grund für den Verbot bzw. die Zensur des Romans lag woanders. Er lag am Sex.

Richtig, "Fremder in einem fremden Land" ist ein Roman der sexuellen Freizügigkeit, der freien Liebe. Bei der Erstausgabe 1961 schlug der Roman ein wie die sprichwörtliche Bombe, und er hat die Hippie-Generation stark beeinflusst. 2010 liest sich selbst die ungekürzte Fassung diesbezüglich zwar recht unspektakulär, jedoch wirkt der Roman auch in dieser (der sexuellen) Hinsicht sehr modern. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie er mit dem "mindset" der '61er aufgefasst wurde.

Teil, ja Herzstück der von Smith gegründeten Religion war dann auch die "freie Liebe". Der Geschlechtsakt (egal zwischen welchen Geschlechtern oder mit wie vielen Teilnehmern) wurde von Smith (unschuldig und ungeprägt von den Schuldgefühlen judeo-christlich-muslimischer Religion wie er war) als "a great goodness", also als "etwas von großer Gut-heit" empfunden und in seine Self-Made-Religion übernommen. Ihm war zwar bewusst dass er damit gegen die gesellschaftlichen Konventionen versties, hatte aber kein Verständnis für Gefühle wie Besitzdenken, Eifersucht oder ähnliches.

Aus heutiger Sicht ist es schwer vorstellbar, dass die gekürzte Ausgabe (wie erwartet waren die sexuellen Beschreibungen einer der Hauptgründe für die Zensur gewesen) dazu führte, dass sich bereits in der Hippie-Zeit tatsächlich eine Religion nach dem Romanvorbild in den Vereinigten Staaten bildete. Doch die "Church of All Worlds" gibt es bis heute, und ihre Mitglieder leben nach den Regeln, die Heinlein sich für seinen Roman ausgedacht hatte!
Ein anderer Kern-Satz der Religion war die rituelle Begrüßung "Thou art god!" ("Du bist Gott!"), was heute nach üblichem Esoterik-wischi-waschi klingt, damals aber auch gegen so ziemlich alle gesellschaftlich-religiösen Normen verstiess.
Skurill auch die Tatsache, dass ein Wort aus dem "Marsianischen" - das Wort 'grok' - durch den Roman Eingang in die englische Sprache fand. Das Wort bedeutet auf Marsianische sowohl "Wasser" als auch "Verstehen, Begreifen" und drückt wohl noch einige andere Konzepte marsianischer Lebensart aus. Heute ist es in Wörterbüchern anzutreffen und kaum jemand scheint zu wissen, dass Heinlein es sich ausgedacht hat.

Eine weitere Besonderheit des Romans ist, das Heinlein hier sein "Alter Ego" in der Gestalt des Jubal Harshaw integriert hat. Weite Teile des Buches bestehen aus Quasi-Monologen, in denen der gealterte Lebemann dem "Mann vom Mars" oder anderen Protagonisten (der Krankenschwester Gillian, dem Journalisten Ben Caxton oder einer seiner drei Sekretärinnen, Anne, Miriam und Dorcas) seine Sicht der Dinge lang und breit darstellt. Hier sprich eindeutig Heinlein selbst, und was er zu sagen hat mag Jugendliche langweilen, und ist auch aus heutiger Sicht oft eher selbstverständlich, ist aber im Kontext seiner Zeit gesehen höchst modern und "avantgardistisch".

Fazit
Es gibt wohl nicht viele Romanautoren, die es mit einem ihrer Werke geschafft haben, eine Religion zu gründen. Robert A. Heinlein ist dies mit "Fremder in einem fremden Land" unwillentlich gelungen.
Sieht man von dieser Skurrilität und dem Einfluss auf die Hippie-Bewegung einmal ab - warum sollte ein aufgeklärter, moderner Mensch des 21. Jahrhunderts Zeit und Energie (denn die benötigt man) aufwenden, um dieses Buch zu lesen?
Nun, zuerst einmal weil es ein Höllenspass ist - wirklich. Auch wenn viele Stellen des Buches aus heutiger Sicht wie selbstverständlich wirken, war es für mich ein großer Spass, über die sexuell-religiösen "Rebellen" aus Heinleins Feder zu lesen. Wertkonservative, Spießer und Philister kommen in diesem Buch zwar zu Hauf vor, aber sie kommen durchweg schlecht, sehr schlecht weg. Und das allein ist schon Grund genug, die Nase in den Schmöker zu stecken.

Als Religionswissenschaftler war es für mich dann aber auch spannend zu sehen, wie genial Heinlein die Mechanismen der Religion durch seinen Alter Ego Jubal Harshaw sezierte, die Religion dann gekonnt ad absurdum führte - nur um alle menschlichen Religionen dann durch eine gruppensexorientierte Meta-Religion zu ersetzen.

Schließlich und endlich ist der Roman zwar recht wenig "SF", aber er regt zum Nachdenken an über unsere Gesellschaft, unsere Werte und unsere so absurden Schuldkomplexe. Hinterher fragt man sich wirklich, warum die Menschheit den Weg einschlug, den sie ging, und warum Myriaden von Generationen ihr Leben im Schatten falscher Schuldkomplexe und voll von Gewalt verschwendeten, wenn doch eigentlich alles so leicht sein könnte...