29 März 2010

G. Gumpert / E. Tucai: "Ruhr.Buch - Das Ruhrgebiet literarisch"



Ruhr.Buch: Das Ruhrgebiet literarisch











2010 ist das "Ruhrgebiet" bzw. der "Regionalverband Ruhr" zur europäischen Kulturhauptstadt avanciert. Dieser Band ist ein Lesebuch aus und über diese "Kulturhauptstadt".

Mit der Stadt Essen als Zentrum und 52 weiteren Städten aus dem "Regionalverband Ruhr" entfaltet sich hier vor dem geneigten Leser das Kaleidoskop einer allzu oft unterschätzten Region. Für viele Deutsche nämlich war und ist "der Kohlepott", wie das Ruhrgebiet auch "liebevoll" genannt wird, einfach nur ein Synoym für graue, nichtssagende Städte, die sich ohne sichtbare Grenze aneinanderreihen, von Kohlebau und Naturzerstörung, und natürlich von Hochöfen und Industrie.


Dieses Lesebuch zeigt aber, dass "der Pott" anders ist - überraschend grün und innovativ, und neben den Klischees von Kohlekumpeln und Taubenzüchtern, von Schalke und Duisburger Hochöfen eben auch viele andere, unerwartete Seiten hat.

Der Ansatz, den die Herausgeber gewählt haben, ist ein "ganzheitlicher" - denn die Auswahl der Texte reicht weit zurück in die Vergangenheit, und so ist auch ein Ausschnitt aus dem "Nibelungenlied" vertreten. Es gibt viele Texte aus dem 19. und aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Heine ist ebenso vertreten wie Böll, Georg Kreisler disst Gelsenkirchen und Ricarda Huch zeichnet in ihrem Text aus dem Jahr 1927 ein Bild Dortmunds vor der Zerstörung im 2. Weltkrieg, wie man es heute wohl nirgendwo mehr so finden wird.

Natürlich sind viele der Texte auch voller Lokalkolorit, v.a. der Säufertext "Predigkeits Predikt" von Jürgen Lodemann fällt klar in diese Kategorie. Aber auch Frank Goosens Text "Wieso Fußball?" ist hier absolut Spitze - ein Auszug sei hier angebracht:

"Ich stelle mir das so vor: Menschen, die Briefmarken sammeln, Modellflugzeuge bauen oder Turniertanz betreiben, sitzen an einem ereignisarmen Sonntagnachmittag sinnend auf ihrem Wohnzimmersofa und fragen sich: 'Wo bin ich in meinem Leben falsch abgebogen?'
So eine Frage stellt sich ein Fußballfan überhaupt nicht. Fragen Sie bei uns in der Gegend einen Fußballfan: 'Wieso gehst Du ins Stadion?', antwortet der nur: 'Watt?'
Der versteht die Frage überhaupt nicht.
'Wieso gehst Du zum Fußball?'
'Is doch Samstach!'
Fußball ist uns zwischen Duisburg und Unna, zwischen Recklinghausen und Hattingen ins Genom übergegangen, unsere Doppelhelix besteht nicht aus Aminosäuresequenzen, sondern aus echtem Leder."

Solche amüsanten Texte finden sich hier ebenso wie eine Reise Ralph Giordanos nach Duisburg, um sich dort die Panik von extremen Christen vor dem Bau einer Moschee anzuschauen, oder eben ein Auszug aus Heinrich Heines "Westfälischem Wintermärchen", wo er so schön über die Westfalen schreibt:

"Der lieben Westphalen, womit ich so oft
In Göttingen getrunken,
Bis wir gerührt einander an's Herz
Und unter die Tische gesunken!

Ich habe sie immer so lieb gehabt,
Die lieben, guten Westphalen,
Ein Volk so fest, so sicher, so treu,
Ganz ohne Gleißen und Prahlen.

Wie standen sie prächtig auf der Mensur,
Mit ihren Löwenherzen!
Es fielen so grade, so ehrlich gemeint,
Die Quarten und die Terzen.

Sie fechten gut, sie trinken gut,
Und wenn sie die Hand dir reichen,
Zum Freundschaftsbündniß, dann weinen sie;
Sind sentimentale Eichen.

Viele Facetten, viele Zeitalter, viele Stimmungen vereint dieser Band, und das auf unter 300 Seiten und für unter 10,- Euro - jedem, der sich einmal näher mit dem Ruhrgebiet auseinandersetzen möchte, sei das "Ruhr.Buch" wärmstens empfohlen!