21 November 2010

Ernst Peter Fischer: Die Andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte









Hintergrund:

Im Jahr 1999 hat der ehemalige Professor und Kriminalautor Dietrich Schwanitz ein Buch veröffentlicht, dass es auf die deutschen All-Time - Bestsellerlisten schaffen sollte. Der Titel des Buches war “Bildung. Alles, was man wissen muß.”

Und ähnlich arrogant und spießig wie der Titel des Buches anmutet ist auch sein Inhalt und war auch sein Autor Schwanitz. Dieser ist zwar 2004 verstorben, sein Versuch jedoch, den von ihm bejammerten Verfall der spießbürgerlichen, sich selbst gerne als “humanistisch” darstellenden Elite und ihre “Allgemeinbildung” zu retten, ist nach wie vor ein Verkaufsschlager und wird gerne von besorgten Mitgliedern der Großeltern- und Elterngeneration ihrem ach so kulturlosen Nachwuchs der “Generation Y” auf den weihnachtlichen Gabentisch gelegt.

Schwanitz hatte ganz im Sinne des damaligen Zeitgeistes publiziert, denn um die Jahrtausendwende war es populär, vielleicht im Rahmen einer bis ins Extreme übersteigerten “Fin de Siècle”-Stimmung, den allgemeinen Verfall von Bildung, Kultur, Sitten und dem Abendland überhaupt zu beklagen und quasi als “Impfstoff” und Gegenmittel einen Kanon zu verfassen - der bekannteste Fall dürfte die Kanonsammlung des “Literaturpapstes” Marcel Reich-Ranickis sein, die ab 2002 herausgegeben wurden.

Nun wurde Schwanitz noch zu Lebzeiten genug kritisiert, und durchaus zu Recht, denn sein Buch erhebt einerseits den Zeigefinger des Vorwurfs vor allem an die jüngeren Generationen und andererseits stets den Anspruch, das zu vermitteln, was angeblich “in gewissen Kreisen” als “wahre Bildung” gelte. Hier schrieb einer, der dem elitären Klassendenken des 20. Jahrhunderts nicht entkommen konnte und wollte, einer, der natürlich ganz Kind seines Jahrhunderts und seiner “Klasse” war - der Welt der Eliten und des politischen Filzes jeglicher Couleur. Ein Schulmeister, ganz im altpreußisch-bismarckschen Geiste, der ja in diesen “gewissen Kreisen” bis heute weiterlebt - wenngleich er -meiner Meinung nach zu Recht- von der jetzigen jungen Generation mehr und mehr gemieden wird. Heute ist man Pirat, holt sich sein Wissen bei Bedarf Online und sieht keine Notwendigkeit mehr darin, stur bloße Daten und Fakten auswendig zu lernen, ganz im Einsteinschen Sinne, der einmal gefragt wurde, wie denn die physikalische Formel für Geschwindigkeit lautete und lapidar antwortete: “Warum soll ich mein Gehirn mit Wissen belasten, dass ich in jedem Schulbuch nachschlagen kann?”.

Ähnlich war auch die Kritik des Naturwissenschaftlers Ernst Peter Fischer, jedoch ging sie in seinem Fall noch in eine andere Richtung. In Schwanitz Bestseller wird nämlich von der Antike bis zur jüngeren abendländischen Literatur stets nur behandelt, was bereits im Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts zum Bereich der “klassischen Bildung” zählte: Geschichte, Mythologie, Literatur, Poesie, Kunst, Philosophie - hinzu kamen noch einige Kapitel über Psychologie und Kommunikation.

Es fehlten aber gänzlich und sehr bewusst die Naturwissenschaften. Schwanitz hatte dies sogar begründet: “Naturwissenschaftliche Kenntnisse müssen zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung gehören sie nicht.

Hier setzt der Wissenschaftshistoriker Fischer an und wirft Schwanitz und seinen Anhängern vor, durch die bewußte Ausblendung der Naturwissenschaften sich selbst von fundamentalen und weitreichenden gesellschaftlichen Diskussionen und Dimensionen auszuschließen - ein klares Zeichen von Un-Bildung. Fischer findet auch valable Gründe, warum diese Wissenschaftsfeindlichkeit Teil einer bestimmten selbsternannten “Bildungselite” ist (die Teilung zwischen den “beiden Bildungen” ist Teil abendländischer Kulturgeschichte), und seine Mission ist es, den Nicht-Wissenschaftlern unter uns die Grundlagen der wichtigsten Bereiche moderner Naturwissenschaft näher zu bringen.

Ergebnis:
Ist Ernst Peter Fischers Mission gelungen?
Auf jeden Fall. Allerdings musste auch er sich einige Kritikpunkte gefallen lassen. Zunächst jedoch die positiven Seiten.

In seiner Einleitung bläst Fischer zum Frontalangriff auf Schwanitz’ Wissenschaftsfeindlichkeit und erklärt die Notwendigkeit wissenschaftlicher Grundkenntnisse für alle Menschen. In den folgenden Kapiteln nimmt er seine Leser mit auf eine Reise durch jene Welt der Wissenschaft, und los geht es mit dem Makrokosmos, sprich der Astrophysik. Der geneigte Leser erfährt viel über die Entwicklung der Theorien über das Universum, von Kopernikus bis Einstein, lernt vor allem die umgangssprachliche Spreu vom wissenschaftlichen Weizen zu trennen wenn es um Dinge wie die Allgemeine und Spezielle Relativitätstheorie geht.

Von der Welt des “ganz großen” geht es in die Welt des ganz kleinen, von der Astro- zur Atomphysik, wo auch Einstein einer der Revolutionäre war, dem jedoch weitere vorangingen, zur Seite standen und folgten (Planck, Heisenberg und andere). Von Quanten, Quarks und der Stringtheorie erfährt man hier einiges und Fischer versteht es, seine Leser mitzunehmen auf diese Reise und sie nicht nur mit bloßen Daten und Fakten zu bewerfen. Als Wissenschaftshistoriker gelingt ihm mit Leichtigkeit, woran manch anderer Autor von “Populärwissenschaft” regelmässig scheitert: er setzt die Ideen, Konzepte, Theorien und Entdeckungen in einen historischen Gesamtrahmen, und er versucht stets, alle Seiten der Medaille zu beleuchten, lässt auch gegensätzliche Ansichten nebeneinander stehen. Er ist ein großer Freund des “komplementären Denkens” nicht nur in den Wissenschaften. Widersprüche müssen sich hiernach nicht gegenseitig ausschließen, oft benötigt man sie sogar, um Tatbestände erst in ihrer vollen Bedeutung begreifen zu können.

Von der Welt der unbelebten Materie geht die Reise dann weiter in die Welt der (Mikro-)biologie und man erkennt, dass es zunächst den atomphysischen Ansatz benötigte, um auch die Augen der Biologen auf die Welt des “ganz kleinen” zu lenken. Ohne Einstein, Planck und Co. wäre die “Komposition” der DNA wohl nie möglich geworden. In diesem Teil des Buches lernt man eine ganze Menge über Zellen, Zellkerne, DNA, RNA und Proteine, die Berichte sind auf der Höhe ihrer Zeit (Erstveröffentlichung war 2003).

Das große Finale sind dann mehrere Kapitel über die Evolution, ihre Anfänge bei Darwin und die fortlaufenden Entwicklungen und Diskussionen bis heute. Dieses Kapitel halte ich für das wertvollste und Einsichtsreichste des ganzen Buches.

Hier gelingt es Fischer, einerseits auf anschauliche Weise die Theorien Darwins zu erklären, andererseits aber auch den Leser darüber aufzuklären, warum die aktuellen Diskussionen (v.a. in den USA) am Kern der darwinistischen Evolutionstheorie vorbeigehen (Darwin selbst war ein gläubiger Mensch, dessen Staunen vor der Schöpfung Gottes gerade dadurch erhöht wurde als er erkannte, wie die Gesetze der Selektion und Ausdifferenzierung in der Natur funktionieren). Es ging also nie um einen “Widerspruch” zwischen “Religion” und “Wissenschaft”, dieser wurde vorwiegend von engstirnigen und oft auch fanatischen Vertretern der Religionen konstruiert, denen eben wissenschaftliches Denken immer schon eher fremd war.

Der Schluß des Buches dreht sich dann noch um Themen wie “Revolutionen und Paradigmenwechsel” in der Naturwissenschaft und den Zusammenhang von Naturwissenschaft und Kunst.

Wie ein roter Faden zieht sich eines der Leitmotive durch Fischers gesamtes Buch: Naturwissenschaft ist eben NICHT das sture Auswendiglernen von langweiligen Daten, das mechanistische Widerholen prinzipiell von jedem erlernbarer Arbeitsschritte - sondern ein Abenteuer des Geistes und, wenn richtig betrieben, eine Kunstform.

Fischers großes Plädoyer richtig sich meiner Meinung nach sowohl an die Welt der Wissenschaft als auch an die Gesellschaft als Ganzes:
Wissenschaftler, lasst Euch nicht zu bloßen Datenverarbeitungs-Sklaven degradieren. Begreift die Notwendigkeit, gerade im Bereich der Theorieentwicklung, “Bretter”, die wir konditionierungshalber vor unseren Köpfen haben, zu erkennen und falls möglich zu entfernen. Seid kreativ und sucht Lösungen und neue Denkrichtungen, die ihr so vielleicht in keinem Lehrbuch gelernt habt.
Gesellschaft, erkenne, dass “Wissenschaft betreiben” eine Kunst ist, dass der wissenschaftliche Geist derselbe Geist ist, dem sich zumindest Zeitweise auch Hans Castorp, Protagonist in Thomas Manns “Zauberberg” widmete. Wissenschaft ist kein “steriler Raum”, keine seelenlose Tätigkeit, Wissenschaft ist, richtig betrieben, ein Abenteuer, welches sich auch auf philosophischen Ebenen abspielt. Wissenschaft treiben hat mit dem Kern unseres “Mensch-Seins” zu tun und ist kein Gegensatz zu Literatur und Poesie. Wenn überhaupt dann ist sie komplementär.

Ich bin Fischer sehr dankbar für dieses Buch. Auf den Gedanken gekommen, dass die DNA-Doppelhelix eben keine einfach unter dem Elektronenmikroskop gefundene Struktur darstellt, sondern ein Symbol der vorgefundenen Spuren des mikrobiologischen Lebens ist, der menschliche Versuch, Moleküle so anzuordnen, dass Untersuchungsergebnisse einen Sinn machen - dass Watson zum Entwurf des Modells der Doppelhelix genauso kreativ sein musste wie Rilke beim Schreiben seiner Gedichte - nun, auf diesen Gedanken wäre ich nie gekommen.

Kritikpunkte
Mein persönlicher Hauptkritikpunkt am Buch ist, das der Autor mich in manchen Kapiteln dann doch verloren hat. Vor allem bei der Reise in die Welt der Atome konnte ich seinen Ausführungen dann zeitweise doch nicht mehr folgen. Sollte er an einer Neuauflage arbeiten würde ich ihn bitten, hier den Laien noch mehr zu berücksichtigen, denn ich habe zwar inzwischen eine Ahnung, was die “verschränkte Welt” ist in der wir leben, was sich aber den modernen Theorien zur Folge auf subatomaren Leveln abspielt und was genau Quanten- und Feldtheorie aussagen und voneinander unterscheidet, nun dies ist mir nach wie vor noch etwas schleierhaft.

Schaut man sich im Internet und bei Amazon.de um fällt auf, dass viele Leser dem Autor “Etikettenschwindel” vorwerfen. Dieser sei eitel und hätte das Buch nur veröffentlicht, um auf den Schwanitz’schen Erfolgszug aufzuspringen. Hier muss ich widersprechen. Im Gegensatz zu Schwanitz führt Fischers Buch eben kein “alles” im Titel - ein wie ich finde fundamentaler Unterschied. An keiner Stelle des Buches äußert Fischer, hier stünde alles geschrieben, was man wissen müsse. Nein, er hat hier zusammengefasst, was man seiner Meinung nach wissen sollte. Natürlich ist so eine Zusammenstellung subjektiv und es sollte vielmehr gefragt werden ob der Autor einen guten Riecher hatte.
Es fehlen viele Bereiche der Physik (Elektronik, Optik), es fehlen die Mathematik als solche. Aber wer dies bemängelt scheint nicht verstanden zu haben, um was es dem Autor wirklich ging. Es ging ihm nicht darum, ein Lehrbuch zu schreiben. Mir scheint, seine Zielgruppe war ganz bewusst die Leserschaft von Schwanitz, also jene Geistes- und Literaturwissenschaftlich interessierten Menschen, die höchstwahrscheinlich nur über sehr wenig naturwissenschaftliche Kenntnisse verfügen. Diesen wollte er kein Lehrbuch vorhalten, dann hätte er nämlich erst einmal Lektionen über die Grundlagen der Mathematik verfassen müssen und spätestens hier alle potentiellen Leser verloren.
Er spricht aber die Sprache der Kultur-Eliten, er zitiert aus Goethe, aus Thomas Mann, aus Rilke. Er nimmt diese Menschen bei der Hand und führt sie in ein ihnen fremdes Land, das Land der Naturwissenschaft. Er erzählt die Wissenschaft, er unterrichtet sie nicht. Natürlich ist die Mathematik die “lingua franca” der Naturwissenschaft, Fischer erklärt dies übrigens auch. Aber es würde den Sinn dieses Buches verfehlen, hier konkrete Lektionen zu geben.

Wer nach der Lektüre des Buches mehr Hunger auf Naturwissenschaft hat, der kann und sollte sich selbst auf die Reise begeben. Fischers ausführliche Bibliografie am Ende des Buches wird hier sicherlich äußerst hilfreich sein.